Italien: Sieg der Arbeiter bei Fiat
Der Frühling in Melfi
Autor: Gustavo Dunga y Gustavo Piemonte
Datum: 13.05.04
Quelle: LVO 139
"Der Anfang einer neuen Geschichte", "Sieg in Melfi", "Frühling in Melfi" so titelten die Zeitungen der italienischen Linken, nach dem Triumph der Arbeiter der Fiat. Einundzwanzig Tage dauerte der Kampf mit radikalisierten Mitteln, wie z.B. Streiks, Massenversammlungen, Streikposten vor den Toren der Fiat und Zusammenstöße mit der Polizei und solidarische Streiks auf der ganzen Halbinsel. Vor dem Hintergrund der breiten Ablehnung der italienischen Beteiligung am Irakkrieg, einer tiefen wirtschaftlichen Krise, der Zunahme der sozialen Proteste und einer allmählichen Zermürbung der Berlusconi Regierung, hat sich die italienische Arbeiterklasse wieder in den Mittelpunkt der politischen Szene gestellt. Einige Medien haben berichtet, dass dies nach 25 Jahren das erste Abkommen bei Fiat ist, in dem die Forderungen der Arbeiter und nicht nur die der Bosse berücksichtigt worden sind.
Im benachteiligten Süden Italiens, genauer gesagt in der Stadt Melfi, die in der Basilicata liegt, hat die Fiat vor zehn Jahren ein Modellwerk gebaut, das vom Staat subventioniert wird und in dem über 5000 Arbeiter angestellt sind. Dieses Werk hatte zwei wichtige Charakteristika, erstens war es mit der modernsten Technologie ausgestattet und zweitens zeichnete es sich durch die höchste Produktivitätsrate aller Fiat-Werke aus. Diese kam durch die Hungerlöhne und die unzumutbaren Schichten sowie ein ständiges disziplinarischen Verfolgungsregime gegenüber den Arbeitern zustande. Es war ein Beispiel für ein neuartiges Arbeitsregime, welches von den verschiedenen Gewerkschaftszentralen, den Bossen und allen politischen Parteien akzeptiert wurde. In diesem Sinne war Melfi ein Paradebeispiel des italienischen "Sozialpaktes".
Inmitten wichtiger Kämpfe, wie der "wilden Streiks" der Busfahrer in Mailand, des harten Kampfes der Alitalia Angestellten zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze (es wurden bereits 1300 Flüge gestrichen), haben die Metallarbeiter das Werk in Melfi lahmgelegt und durch Streikposten bewacht. Sie forderten hauptsächlich eine Lohnerhöhung um den gleichen Lohn zu erhalten wie alle anderen Arbeiter bei Fiat, eine Änderung des zehrenden Rotationssystems und ein Ende der Disziplinarmaßnahmen seitens der Werksleitung.
Um diesen Konflikt zu gewinnen, war ein den Gegebenheiten angemessener Kampf vonnöten, besonders da die Werksleitung auch die Zustimmung der Gewerkschaftszentralen, wie der UIL (sozialdemokratisch) und der CISL (katholisch) hatte.
Am 19. April, nachdem die Kraftprobe bereits begonnen hatte und die Streikposten vor den Toren der Fabrik standen, erklärte die gesamte Presse sowie ein großer Teil der Gewerkschaftsbürokratie aller Welt, dass diese wilden Methoden zu nichts führen würden, dass sie dem Kräfteverhältnis vollkommen unangemessen seien und dass man "zivilisiert" diskutieren müsse, während die Werksleitung und die Regierung die Polizei schickten um die Streikposten zu umstellen und dafür zu sorgen, dass Hunderte von Streikbrechern in die Fabrik gelangten. Die UIL und die CISL trafen hinter dem Rücken der Arbeiter ein Abkommen mit den Bossen, welches keine der Forderungen der Arbeiter zufrieden stellte. Aufgrund des starken Drucks seitens der Basis weigerte sich die Metallergewerkschaft FIOM (in deren Direktion auch Refondazione Comunista starken Einfluss hat), besagtes Abkommen zu unterschreiben. Es bleibt noch zu sagen, dass wenn auch die linke Arbeiterzentrale CGIL das Abkommen nicht unterschrieben hat, sie dennoch nicht mit der Bildung von Streikposten einverstanden war.
Angesichts des offenen Verrats von Teilen der Gewerkschaftsbürokratie, setzten die Areiter ihren Kampf noch entschlossener fort. Während alldem wuchs die Sympathie und Solidarität der Arbeiter aus anderen Ecken und Fabriken Italiens stetig. Am 26. April versuchte die Regierung mit der Werksleitung zusammen ein Exempel zu statuieren: sie schickten Repressionskräfte gegen die Streikposten und versuchten gewaltsam einem Trupp von Streikbrechern Zutritt zum Werk zu verschaffen. Die Arbeiter setzten sich jedoch heftig zur Wehr und das ganze endete mit einem Saldo von 10 verletzten Arbeitern und 3 verletzten Polizisten. Daraufhin rief die FIOM zusammen mit den COBAS (Comités de Base) dringend zu einem 4-stündigen Streik in der Metallindustrie auf. Dieser war sehr erfolgreich und wurde in einigen Fabriken sogar auf den ganzen Tag ausgedehnt. In einigen Niederlassungen, wie zum Beispiel dem größten Fiatwerk Mirafiori in Turin (mehr als 11.000 Arbeiter) gingen die Arbeiter mit dem Ruf: "Es leben die Methoden von Melfi" oder "Wir alle sind Melfi", das Gleich ereignete sich in den Werken der Alda Romeo in Pomigliano und in Val di Sangro. In der Fiatniederlassung in Termini Imerese (Sizilien) organisierten die Arbeiter eine Streikkasse mit mehr als 25.000 €.
Angesichts des Widerstands der Arbeiter die sich nicht einschüchtern ließen und nicht bereit waren aufgrund der Repressionen aufzugeben und nachdem der Geist des Widerstands drohte die Herzen der italienischen Industriearbeiter anzustecken und in Brand zu setzen, verlegten sich die Bosse auf’s Verhandeln. Sie bieten an, dass die RSU (interne Kommission) durch die Gewerkschaft FIOM und die COBAS an den Verhandlungen teilnehmen können, vorausgesetzt, dass die Fabrikblockade aufgehoben wird und die Arbeiter an die Arbeit zurückkehren. Die Führung der FIOM versuchte die Arbeiter davon zu überzeugen diesen Vorschlag der Bosse anzunehmen, aber diese entschieden zwar die Blockade aufzuheben jedoch mit Streik und Streikposten vor den Zugangstüren weiter fortzufahren. Die Bosse sehen sich gezwungen unter diesen Zwangsmaßnahmen zu verhandeln. Zu Gunsten der Arbeiter stehen einundzwanzig Tage vorbildlichen Kampf, der Verlust von mehr al 200 Millionen Euro und mehr als 21.000 Autos für die Bosse, dies führt dazu, dass die Arbeiter ihre Forderungen durchsetzen konnten, die Zwangsmaßnahmen wurden aufgehoben, nachdem dies in freudigen und euphorischen Versammlungen abgestimmt wurde. Die Arbeiter erreichten unter anderem: das Ziel jeweils zwei Wochen dieselbe Schicht zu arbeiten, bisher wurde dies alle 7 Tage gewechselt, eine Woche werden 6 Tage gearbeitet und in der folgenden nur 4, der Sonntag ist immer frei. Graduelle Lohnerhöhung über die nächsten zwei Jahre und gewerkschaftliche Freistellung. Außerdem wird eine Kommission zur Untersuchung aller in der letzten Zeit durchgeführten Disziplinarmaßnahmen.
Einige alte Arbeiter sagten, dies erinnere sie an die Versammlungen von 1968, im Sinne der Erinnerung an die Arbeitskämpfe die mehrheitlich in Triumphen endeten.
Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe wurde gerade über alle diese Punkte durch ein Basisreferendum in der Fabrik abgestimmt.
Dieser Sieg den einige Medien als "historisch" bezeichnen, da er ein neues Kapitel in Bezug auf das Kräfteverhältnis aufschlägt. Die Bosse hatten versucht durch Fabriken in denen Todesstille herrscht die Produktivität zu erhöhen und die ganze Last der Wirtschaftskrise, in der sich der italienische Imperialismus befindet, auf die Schultern der Arbeiter zu bürden.
Wir dürfen nicht vergessen, was über die letzten Jahre alles passiert ist, in denen die italienische Arbeiterbewegung durch massive und erfolgreiche Generalstreiks aufgrund ihrer politischen Opposition zu Berlusconi in Erscheinung getreten ist. In letzter Zeit ist sie an einigen Stellen bereits in die Offensive übergegangen und hat außer mit dem Einsatz radikalerer Methoden auch damit begonnen, die Gewerkschaftsbürokratie in Frage zu stellen und die zu unternehmenden Schritte in Versammlungen zu beschließen. Außerdem haben die Arbeiter damit begonnen diejenigen, die um ihre Rechte kämpfen mit aktiver Solidarität zu unterstützen.
Die Arbeiter von Melfi die auf die brüderliche Unterstützung der übrigen italienischen Arbeiterklasse zählen konnten, haben bewiesen, dass man gegen die großen Bosse mächtiger unternehmen wie der Fiat gewinnen kann.