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Autor: Gustavo Dunga
Datum: 17.02.2004
Quelle: LVO 133
Die frühere Insel Santo Domingo ist
seit Anfang des Jahres in Aufruhr. In Haiti fordert eine breite
Massenbewegung den Rücktritt von Präsident Jean Bertrand
Aristide. In der Dominikanischen Republik hat ein Generalstreik
den die Gewerkschaften organisiert haben Präsident Mejía,
den De la Rúa der Antillen, in die Enge getrieben und dadurch
eine tiefe politische Krise ausgelöst. Genau wie in anderen
Staaten Lateinamerikas und der Karibik sind es die Pläne
des Währungsfonds sowie die Folgen der bilateralen Freihandelsverträge,
welche das massive Eingreifen der Massenbewegung hervorrufen.
Haiti: "Wir überleben, wir existieren
nicht"
Mit diesen Worten fasste ein Jugendlicher
Regierungsgegner in den Slums von Port au Prince (Hauptstadt Haitis)
gegenüber einer internationalen Presseagentur, das Elend
und die Not der Mehrheit der Bevölkerung zusammen. Die Presse
wiederholt ohne Unterlass die erschütternden Statistiken,
die belegen, dass Haiti vom weltweit bedeutendsten Zucker Produzenten
des 17. Jahrhunderts in die Gruppe der 50 Staaten mit dem schnellsten
Wirtschaftsniedergang abgesunken ist, laut dem UN Entwicklungsprogramm.
52 % der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 50 % ist
unterbeschäftigt und die Lebenserwartung beträgt kaum
53 Jahre. Das Programm enthüllt außerdem, dass 3,8
Millionen Haitianer nicht genügend Einkommen haben um zu
überleben, von diesen leben 2,4 Millionen in ständiger
Unsicherheit der Lebensmittelversorgung. Wovon jedoch niemand
spricht, ist, dass die imperialistische Unterdrückung und
ihre Marionetten Regierungen schuld an der materiellen Rückständigkeit
und der Zerrüttung Haitis sind. Haiti wurde zwanzig Jahre
lang mit Marine Invasionen überzogen und gedemütigt,
es war einem Embargo und einer Wirtschaftsblockade ausgesetzt,
es musste erdulden, dass nordamerikanische Zuckerfirmen die Bauern
ausbeuten und litt jahrzehntelang unter einer der blutigsten Diktaturen
der Geschichte geführt von der Duvallier Dynastie. Haiti
muss es dem imperialistischen Kapital teuer bezahlen, dass es
gewagt hat, sich von Frankreich unabhängig erklärt zu
haben und die erste schwarze Republik auf der Welt gegründet
zu haben.
Volksaufstand und Zusammenstöße
bewaffneter Banden
Seit Ende des letzten Jahres ist der Protest
für den Rücktritt des Präsidenten Aristide ständig
angewachsen. Es handelt sich dabei um eine breite Volksbewegung
in der die Studenten und Oberschüler zusammen mit einigen
Gewerkschaften die Vorreiterrolle spielen. Der Motor der Bewegung
sind Proteste gegen die Repression und Menschenrechtsverletzungen
seitens der Regierung sowie gegen die Teuerung der Lebenshaltungskosten
und für freie Wahlen. Aristide und seine Parte Familia
Lavales werden von Vertretern der Opposition vorgeworfen die
Wahlen im Jahr 2000 nur durch Wahlbetrug gewonnen zu haben sowie
mit Hilfe der Repressionskräfte ein autoritäres Regime
aufgebaut zu haben. Der ehemalige katholische Priester und Anhänger
der Befreiungstheologie wurde 1991 durch eine Staatsstreich abgesetzt.
1994 kehrte er an der Hand der neuerlichen Invasionstruppen, Marines,
und der UNO ins Land zurück. Diese Invasion legte das Fundament
für die Durchsetzung der neoliberalen Pläne im Land.
Obwohl Aristide, wenn er mit seiner Basis gesprochen hat, sich
einer anti-amerikanischen Rhetorik bediente ist es unbestreitbar,
dass er die Pläne des IWF zur Schuldentilgung eins zu eins
umgesetzt hat und den Transnationalen mit dem Bau von "maquiladoras"
(Assembling Unternehmen) an der Grenze zur Dominikanischen Republik
weit entgegengekommen ist. Haiti versinkt in einer galoppierenden
Inflation, mit einer Hungersnot kurz vor dem Ausbrechen und Tausenden
von Flüchtlingen die in unsicheren Nussschalen versuchen
die Küsten Mexikos oder der USA zu erreichen. Trotz alledem,
der legitime Aufstand der Massen für politische Freiheiten
und gegen Hunger und Repression, neigt in gefährlicher Weise
dazu von der sogenannten "Demokratischen Plattform"
kanalisiert zu werden. In ihr sind Vertreter der traditionellen
Rechten, der Unternehmerverbände und sogar einige mitte-links
Parteien organisiert. Sie steht für die Kontinuität
der neoliberalen Politik.
Auch ehemalige Anhänger Aristides
versuchen sich ihrerseits die Schwäche de Regierung zu Nutze
zu machen und haben mit ihren bewaffneten Banden – wie z.B. die
sogenannte Front des Revolutionären Widerstands –
Kannibalen Heer – einige wichtige Städte wie Gonaives
oder Saint Marc eingenommen und sich selbst zu Machthabern über
die eroberten Städte berufen, dabei verbreiten sie Angst
und Schrecken unter der armen Bevölkerung die immer noch
auf Aristide vertraut. Viele Reporter halten diese paramiltären
Banden für die Anführer eines bewaffneten Volksaufstands.
Nichts ferner als das, sie sind klassenlose und kriminelle Gruppen
die sich angesichts der Zerrüttung des Staates eine Teil
davon unter den Nagel reißen wollen, als sei er eine Kriegsbeute.
Die heftige Gewalt verbreitet sich im ganzen Land, während
die USA und die Caricom (Vereinigung karibischer Staaten) eine
Ausweg zu verhandeln suchen bei dem Aristide etwas beiseite tritt
und gleichzeitig laut etwas von Militärintervention murmeln.
Weder Aristide noch die Demokratische
Plattform, noch die bewaffneten Banden die das Land verwüsten
stellen einen Ausweg aus der Krise dar, in der sich Haiti befindet.
Jede dieser Möglichkeiten, ganz zu schweigen von einer ausländischen
Militärintervention werden den haitianischen Arbeitern und
Massen nur weitere Enttäuschungen bereiten. Um die imperialistische
Unterdrückung zu beenden und den Weg der nationalen und sozialen
Befreiung der Arbeiter und Bauern Haitis zu betreten, müssen
diese kämpfen und sich unabhängig von allen bürgerlichen
Kräften organisieren, die für die Schwäche des
Landes verantwortlich sind.
Dominikanische Republik
Großer Streik gegen die ausbeuterische
Regierung
Am 28. und 29. Januar wurde, laut der Organisatoren,
dem Colectivo de Organizaciones Populares ( Kollektiv der
Massenorganisationen), "mit großem Erfolg" im
ganzen Land, der zweite Generalstreik gegen die Regierung von
Hipólito Mejía und seiner Dominikanischen Revolutionären
Partei in weniger als zwei Monaten ausgeführt. Die Dominikanische
Republik durchläuft eine tiefe wirtschaftliche und politische
Krise. Anpassungspläne, die Privatisierungen vorsehen, Kürzungen
des Gesundheits- und Bildungsetats, Bankenbankrotte, Devisenflucht
und Geldentwertung sind der Hintergrund für die Protesttage
der Arbeiter und der Volksmassen. Im Gegensatz zu Haiti steht
in der Dominikanischen Republik tatsächlich die Arbeiterklasse
und ihre Organisationen an der Spitze der politischen Opposition
zur Regierung. Seit dem überall im Lande der Streik ausgerufen
wurde, fanden sich Märkte und wichtige Industriezweige plötzlich
lahmgelegt, während die Massen die Straßen gewannen.
Die Repressionsmaßnahmen der Regierung, die Hilfe beim Heer,
der Polizei und paramiltärischen Banden gesucht hatte, konnten
die Massen und besonders die Jugendlichen aus den Armenvierteln
nicht einschüchtern oder davon abhalten gegen die Regierung
zu protestieren. Im Gegenteil, in Santo Domingo, der Hauptstadt,
wo die Zusammenstöße am heftigsten waren und die Sicherheitskräfte
mehrere Demonstranten töteten, musste sich die Polizei an
mehreren Orten zurückziehen.
Auf dem Flugblatt mit den Forderungen fand
sich unter anderen die Losung "Rücktritt von Mejía!".
Durch die Massivität der Proteste, die hohe Beteiligung von
Arbeitern und Massen hat die Aktion die Charakteristiken eines
politischen Generalstreiks angenommen, d.h. sie hat in Frage gestellt,
wer die Macht hat und die Regierung zusammen mit der wirtschaftlichen
Elite auf eine Seite gestellt während sie die Arbeiter und
Bauern welche die Mehrheit der Nation stellen, entgegengesetzt
positioniert hat. Einige Tage später beschrieb ein Analyst
der mexikanischen Zeitung La Jornada die Ereignisse wie
folgt: "Es handelte sich, alles in allem, um einen nationalen
Aufstand gegen die neoliberale Politik, der sich in den Zyklus
der kämpferischen Aufstände dieser Art einreiht, der
sich in den letzten beiden Jahrzehnten in Lateinamerika aufgetan
hat. Dieser erfährt eine besondere Zuspitzung südlich
von Panama, findet jedoch seinen Ausdruck überall in der
Region, wo er immer heftiger zu werden scheint."
Die Ereignisse in Haiti und der Dominikanischen
Republik sind eine konstante Entwicklung in den Ländern Zentralamerikas
und der Karibik, deren Integrität durch die Freihandelsverträge
mit den USA und die Pläne se IWF massiv in Frage gestellt
wird. Außerdem beweisen sie, dass sich die Region in ihrem
Widerstand gegen die imperialistische Unterdrückung und die
ausbeuterischen Regierungen in eine Reihe mit dem Rest des Kontinents
stellt, wie man vor kurzem in Bolivien gesehen hat. Dies ist die
einzige Möglichkeit um die jetzige Lage der Dinge abzuschaffen.
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