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Das Ergebnis der Wahl in Bayern
- Ausdruck der Krise des Regimes?
Alle Großorganisationen - neben den
Parteien auch die Kirchen und die Gewerkschaften - verlieren an
Mitgliedern.1
In Bayern sind viele Menschen nicht wählen
gegangen. Vorallem Arbeiter, Arbeitslose, Jugendliche und Frauen
haben sich nicht an den Wahlen beteiligt. Die CSU, Schwesterpartei
der CDU, erhielt mehr als 60% der abgegeben Stimmen. Die SPD ist
in Bayern fast in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht.
Der Kanzler droht immer wieder mit Rücktritt
oder Auflösung der Koalition falls seine Politik nicht umgesetzt
wird, wärend die Opposition in internen Streitigkeiten verwickelt
ist und kein eigenes "Konzept" vorstellen kann. BDI-Chef Michael
Rogowski mahnt die Parteien zur Einigkeit und plädiert für
die vollständige Umsetzung aller von der Regierung geplanten
Reformen plus "konstruktive Ergänzungen" durch die Oppositionsparteien.
Die Bayernwahlen haben offenbart, was sich
schon längst abzeichnete: Eine schleichende Krise des Regimes
in Deutschland als Ergebnis der Krise der Sozialdemokratie und
des Stalinismus sowie des langsamen Niedergangs des Kapitalismus.
In diesem Artikel möchten wir einen
Blick auf die sich in Deutschland abspielenden politischen Prozesse
werfen, um zu einer möglichst korrekten Einschätzung
der politischen Lage zu gelangen. Dies ist die Grundvoraussetzung,
um im Kampf gegen die Angriffe seitens der Bourgeoisie Aussicht
auf Erfolg zu haben.
Bayernwahlen
Einigkeit besteht in allen Medien darüber,
dass trotz des "Erdrutschsieges" der CSU das Wahlergebnis vor
allem eines deutlich zeigt: die Wähler sind scharenweise
zu Hause geblieben. Demnach bedeutet das "Traumergebnis" der CSU
also keinen Rechtsruck, sondern hat tiefgreifendere Ursachen:
Wahlenthaltung, Krise der SPD und der PDS sowie aller Institutionen
des Regimes.
Bei den Wahlen am 21.09.03 im reichsten
Bundesland Deutschlands hat, wie immer seit 1945, ausgenommen
beider Amtszeiten Hoegners (SPD), erwartungsgemäß die
CSU gewonnen. Darin liegt eigentlich nichts Verwunderliches, erstaunlich
ist nur das Ausmaß ihres Triumphes. Zum ersten Mal seit
Bestehen der Bundesrepublik hat eine Partei allein eine verfassungsändernde
Zweidrittel-Mehrheit erreicht, und das obwohl sie seit der letzten
Wahl in Bayern (13.09.1998) 235.000 Stimmen verloren hat.2 Im
Vergleich zur Bundestagswahl 2002 hat sie sogar 1,2 Millionen
Stimmen verloren.3 Und das sind noch die Zahlen für den strahlenden
Sieger. Noch deutlich düsterer sieht es da bei den Sozialdemokraten
aus: Fast 1,5 Millionen Erst- und Zweitstimmen weniger als bei
der Landtagswahl vor fünf Jahren. Gegenüber der Bundestagswahl
haben sie 900.000 Stimmen verloren4. Auch der Koalitionspartner
der SPD auf Bundesebene, die Grünen, hat in Bayern noch nicht
einmal 100.000 Stimmen zulegen können, und erreichte knapp
7,7%, was für bayerische Verhältnisse ein ganz anständiges,
sonst aber ein eher mageres Ergebnis ist.5
Wenn man das Ganze mathematisch betrachtet,
stellt sich eine Frage, auf der einen Seite haben SPD und CSU,
die beiden Säulen des Regimes, zusammen fast 1,75 Millionen
Stimmen verloren, und auf der anderen Seite haben die Grünen
noch nicht mal 100.000 Stimmen gewonnen. Wo ist also der unscheinbare
Differenzbetrag von knapp 1.65 Millionen Stimmen hin gekommen?
Auf jeden Fall lässt sich festhalten,
dass man in Bayern trotz des überwältigenden CSU Sieges
nicht von einem Rechtsruck sprechen kann, denn es gab kaum eine
Stimmenabwanderung von der SPD zur CSU.6 Die Mehrheit der SPD
Stammwähler, traditionell Arbeiter, Arbeitslose, Frauen und
Jugendliche, ist schlicht zuhause geblieben. Das hat dazu geführt,
dass am Sonntag so wenige Bayern ihre Stimme abgegeben haben,
wie noch nie seit 1945: Die Wahlbeteiligung sank von fast 70 auf
57,3 Prozent.7
Das Ausmaß der Verzerrung, die sich
durch unsere bürgerliche Demokratie ergibt, zeigt sich deutlich,
wenn man bedenkt, dass jetzt eine Partei für die lediglich
34% aller Wahlberechtigten gestimmt haben, nach unserem Wahlsystem
fast 69% der Parlamentsitze erlangt. Das sind genau die Grenzen
einer bürgerlichen Demokratie, die letztendlich nur eine
der verschiedenen Formen darstellt, die die kapitalistische Herrschaft
annehmen kann.
Dazu kommt noch, dass das Wahlsystem der
BRD stark reaktionär ist, da durch die 5% Hürde all
jene Parteien aussen vor bleiben, die möglicherweise eine
revolutionäre Alternative anbieten könnten. Auch dies
ist natürlich nur zu unser aller Besten, garantiert doch
die Klausel eine gewisse Stabilität des Regimes in dem sie
einer öffentlichen Polarisierung vorbeugt. Alles natürlich
nur zum Schutz der "Demokratie" gegen den Faschismus und das mit
dem Einverständnis großer Teile der Linke, die mangels
an Alternativen diese Politik anbiedern bzw. unterstützen.
Im Endeffekt hat dies jedoch dazu geführt, dass nicht einmal
die Hälfte der Bevölkerung über 18 Jahre, nämlich
knapp 47% der Stimmberechtigten, entschieden haben, wer für
die nächsten 5 Jahre den "Willen des Volkes" repräsentiert.
Wie lässt sich dieses Phänomen
erklären? Auf keinen Fall lässt sich diese massive Wahlenthaltung
losgelöst von der SPD Bundespolitik erklären. Seit die
SPD 1998 an die Regierung gekommen ist, hat sich ihre Politik
inhaltlich kaum von der der CDU/CSU unterschieden. Regierung (SPD/Grüne)
und Opposition (CDU/CSU/FDP) waren sich in allen wichtigen Punkten
stets einig, siehe Gesundheitsreform, Agenda 2010 etc. Uneinigkeit
besteht nur bzgl. des Tempos der Umsetzung der "Reformen" und
darin wie man diese dem Volk vermittelt. Während die CDU/CSU
offen die Sprache der Wirtschaft spricht, versucht die SPD das
Ganze etwas sozialfreundlicher zu verpacken.
Die Massen sind offensichtlich von der
bürgerlichen Politik und ihren Institutionen zutiefst enttäuscht,
da sie ihnen keinerlei echte Perspektiven bietet. Daher ist die
Bayernwahl eine reine Farce und keine echte Wahl gewesen. Bei
der wenig reizvollen Alternative zwischen Scylla und Charyptis
zu wählen, ist offensichtlich den meisten der Appetit vergangen
und sie haben sich entschieden, nicht länger bei dem Theater
mitzumachen. Denn, dass es für den Otto-Normalverbraucher
vollkommen gleichgültig ist, ob er seine Stimme der SPD und
dem Wirtschaftskanzler Schröder oder dessen Konkurrenten
Stoiber und seiner CSU gibt, welche ganz genauso in guter alter
Manier nur die Interessen des Kapitals vertritt, ist mittlerweile
hinlänglich bekannt. Wozu also seine wertvolle Zeit damit
verschwenden ein Kreuzchen zu machen, das nicht einmal das Papier
wert ist auf dem es steht. Dies ist natürlich keine ganz
neue Erscheinung. Die Wahlbeteiligung in Deutschland sinkt seit
1972 mit leichten Schwankungen stetig ab.8 Neu ist nur, dass dieser
Prozess sich so rapide zuspitzt: in Bayern ist die Wahlbeteiligung
innerhalb von fünf Jahren um fast 13% zurückgegangen.
Fraglich ob dies wirklich nur Ausdruck
der Krise der Sozialdemokratie ist, oder ob man nicht schon von
einer Krise des Systems, des gesamten Regimes sprechen kann.
Krise der Säulen
des Regimes in Deutschland: CDU, SPD, Gewerkschaften
Die CDU
Die Umorientierung weg von der Sozialdemokratie
und das Einschwenken auf den von der Wirtschaft vorgegebenen und
geforderten Kurs innerhalb der SPD, stellt ein Problem für
die CDU dar, weil sie die traditionelle Rolle der CDU als Partei
der Konzerne in Frage stellt. Die internen Querelen in der CDU
sind ein Ausdruck dieser Situation. Durch diese Spannungen hat
die CDU Schwierigkeiten eine Linie zu finden. Nachdem die SPD
ihre klassischen Positionen übernommen hat, wird die CDU
immer weiter nach rechts getrieben und muss immer krassere Forderungen
stellen um sich weiterhin zu profilieren. Durch den innerparteilichen
Zwist wird die Entscheidungsfähigkeit der CDU/CSU stark eingeschränkt.
Wie BDI-Chef Michael Rogowski es auf den Punkt brachte: "Sie (die
CDU) hat keine eigenen Konzepte, keine Visionen, sie ist zerrissen
durch Mitregieren und Opponieren."
Die internen Streitigkeiten führten
sogar dazu, dass laut überlegt wurde, die Agenda 2010 im
Bundesrat zu blockieren, was möglicherweise den Sturz der
Regierung bedeutet hätte. Daraufhin wandte sich Rogowski
ermahnend an seine traditionellen Verbündeten: "Er (Schröder)
muss an der Regierung bleiben, er muss diese Agenda 2010 umsetzen,
ohne Abstriche, eins zu eins - und oben noch was drauf durch die
Opposition"
Daraufhin hat der ehemalige Präsident
des Bundesverfassungsgerichts und ex Bundespräsident (CDU),
Roman Herzog, eine Kommission gegründet, die Alternativvorschläge
zur Rürup Kommission vorlegen soll. Diese Vorschläge
sehen weitere Einschnitte im Kranken und Sozialversicherungssystem
(Erhöhung der Lebensarbeitszeit um vier Jahre, der sog. "Arbeitgeberbeitrag"
(sic) zur Krankenversicherung (der winzige Beitrag der Kapitalisten
zur Krankenversicherung) soll bei 5,1% eingefroren werden, Einheitskassenbeitrag
von 200 Euro pro Kopf monatlich und weitere üble Maßnahmen)9
vor. Diese wurden vom "Arbeitnehmer Flügel" der CDU kritisiert,
weil sie doch wohl zu weit gingen.
Die SPD
Wieso kommt es angesichts dieser Krise
der CDU zu solchen Stimmenverluste der SPD? Dies läßt
sich nicht erklären ohne die internationale Lage und die
historische Position der SPD genauer zu betrachten.
Die Sozialdemokratie befindet sich weltweit
in einer Glaubwürdigkeitskrise, da sie immer offener die
Interessen des Kapitals vertritt statt sich wie bisher angeblich
für die Interessen der Arbeiterklasse einzusetzen.
Nach dem Pakt von Yalta, bei dem die Welt
vom Stalinismus und den Vertretern des Imperialismus in zwei Lager
gespalten wurde, übernahm die Sozialdemokratie in den kapitalistischen
Ländern die Aufgabe (wie schon vor dem Zweiten Weltkrieg),
die Kampfkraft der Arbeiterklasse zu kanalisieren um revolutionäre
Prozesse im Keim zu ersticken. Sie sorgte dafür, dass sich
die gesamte Kampfbereitschaft der Arbeiter rein auf das Erreichen
einiger weniger Zugeständnisse seitens des Kapitals richtete
und nicht etwa die kapitalistischen Produktionsverhältnisse
an sich in Frage stellte. Man kann also sagen, dass die Sozialdemokratie
als verlängerter Arm des Kapitals innerhalb der Arbeiterklasse
agiert hat, um die Stabilität des kapitalistischen Systems
zu garantieren. Dieselbe Rolle übernahm der Stalinismus in
den bürokratisierten Arbeiterstaaten. Das Proletariat in
den Arbeiterstaaten mußte zusehen wie der Stalinismus die
Banner der Revolution in den Gulags untergrub und in Blut ertränkte,
um im "Namen des Sozialismus" die parasitäre, totalitäre
und restaurationistische Bürokratie zu stützen. Die
Arbeiterklasse hat paradoxerweise für den Sturz genau dieser
Bürokratien gekämpft, um in die offenen Arme der kapitalistischen
Sklaverei zu laufen und dann zuzusehen wie sich die parasitären
ehemaligen Bürokraten in die neu entstehende Bourgeoisie
verwandelte.
Seit dem Fall der Berliner-Mauer hat die
Sozialdemokratie die ihr nach dem Vertrag von Yalta zugekommene
Aufgabe verloren, da durch die kapitalistische Restauration in
den Oststaaten die Gefahr, die der "Sozialismus" darstellte, fürs
erste gebannt scheint.
Nachdem die Bourgeoisie also nicht länger
gezwungen ist Zugeständnisse an die Arbeiterklasse zu machen
um den Kapitalismus als das allein seeligmachende System darzustellen,
blieben der Sozialdemokratie nur zwei Möglichkeiten: entweder
mußte sie zu einem echten Vertreter der Arbeiter werden
(was sie eigentlich schon 1914 mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten
ausgeschlossen hatte) oder sie mußte sich eindeutig auf
die Seite des Kapitals schlagen.
Überall wo sie an die Regierung kam,
hat sie angefangen im Interesse der jeweiligen Bourgeoisie zu
handeln. Wo auch immer man hinschaut, ob nach Italien, nach Spanien,
nach Frankreich, nach England oder jetzt hier in Deutschland,
kaum ist die Sozialdemokratie an der Regierung, übernimmt
sie die traditionellen Positionen der konservativen Parteien.
Konkret bei uns heisst dies, dass die bisher
größten Angriffe auf die Errungenschaften der Arbeiter
von unserer jetzigen sozialdemokratischen Regierung gefahren werden.
Die Antwort der Massen auf diese Politik drückt sich wie
im Beispiel der Bayernwahlen in hohen Stimmenverlusten der SPD
und einer hohen Wahlenthaltung aus, was ein verzerrter Ausdruck
des Vertrauensverlustes der Massen in die bürgerlichen Institutionen
und ihre Funktionsweise ist.
In Zahlen übersetzt sieht die Lage
der SPD in Deutschland wie folgt aus:
Die SPD hatte im August dieses Jahres noch
663.549 Mitglieder, allerdings hat sich die Kartei in den letzten
13 Jahren mächtig geleert. Fast 300.000 Mitglieder hat die
SPD verloren.10 Allein in diesem Jahr haben sich die Reihen der
Mitglieder um weitere 30.000 Aktive gelichtet.11
Seit Beginn der rot-grünen Koalition
1998 verlor die Partei mehr als 100.000 Mitglieder. Die Zahl sank
von 775.036 (31. Dezember 1998) auf 670.722 (30. Juni 2003).
Die FAZ spekuliert, dass "...der andauernde
Streit zwischen den Parteiflügeln, der Rücktritt Oskar
Lafontaines vom Parteivorsitz, und auch die Politik der Bundesregierung
(Sparmaßnahmen, Auslandseinsätze der Bundeswehr) dürften
Gründe und Anlässe gewesen sein, die Partei zu verlassen."12
Die neue "Reformpolitik" der SPD stößt
also offensichtlich nicht überall auf Gegenliebe. Verraten
fühlen sich vorallem diejenigen, die der SPD jahrzehntelang
die Treue hielten: Arbeiter, Arbeitslose sowie Frauen und Arme.
Für sie hat sich der Glaube, dass die SPD etwas für
sie tun wolle, als pure Illusion erwiesen. Ein hoher Funktionär
(Maget) der SPD sagte dazu: "die SPD habe "leider" vor allem bei
Arbeitslosen und in der Arbeiterschaft verloren; die Reformen
im Bundestag müssten "intensiv" diskutiert, die Kommunikation
verbessert, konzentrierter vorgegangen werden."13
Diese Erkenntnis kommt jedoch etwas spät,
da die Niederlage in Bayern nur eine Fortsetzung einer ganzen
Reihe von Wahlniederlagen ist, wie z.B. im Saarland, in Hessen
und in Niedersachsen. Sollte diese Tendenz anhalten, drohe der
Partei ein "enormer Substanzverlust" (Maget) mit weniger Mitgliedern,
weniger Mandaten und damit auch geringeren Einnahmen.14
Dennoch bleibt das Bewußtsein der
Massen vorerst reformistisch. Sie wenden sich zwar allmählich
von der SPD ab, kämpfen aber nicht um eine unabhängige
Intervention in den Ereignissen. Es gibt jedoch bisher keine ernstzunehmende
Alternative zum Reformismus, denn die revisionistische Anpassung
an die konterrevolutionären Apparate seitens der Strömungen,
die in Namen des revolutionären Marxismus reden, stellt eine
weitere Hürde auf dem Weg zur Bildung der revolutionären
Subjektivität der Arbeiterklasse dar.
Die PDS
Seit ihrer Entstehung aus der DDR-Staatspartei
SED hat die PDS einen kontinuierlichen Mitgliederschwund erlitten.15
In den ersten Jahren hat man sich nicht so viele Gedanken darüber
gemacht, da sowieso nicht klar war wieviele Genossen die neue
Richtung mittragen würden. Die anfänglichen Wahlerfolge
trösteten zunächst über die sinkende Mitgliederzahlen
hinweg.
Die sinkende Tendenz hat jedoch bis heute
angehalten und die Partei hat weder innerhalb der Arbeiterschaft
noch unter den Jugendlichen Fuß fassen können. Außerdem
sind die Wahlerfolge seit Bestehen der Rot-Roten Koalition (SPD-PDS)
in Berlin ausgeblieben.
Die PDS ist genau das klassische Beispiel
einer reformistischen Partei deren erklärtes Ziel der Sozialismus
ist. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass sie das "real
machbare" ihren hehren Idealen vorgezogen hat. Am Beispiel des
Berliner Senats sieht man wieweit sogenannte Sozialisten in ihrem
Verrat gehen, um sich einen Platz an der Sonne, sprich an der
Macht, zu sichern.
Die Gewerkschaften
Die Krise des Regimes hat naturgemäß
auch Auswirkungen auf die Gewerkschaften. Seit dem Ende des zweiten
Weltkriegs werden die Gewerkschaften traditionell von der Sozialdemokratie
dominiert. Dies läßt sich leicht an der Zahl der derzeitigen
SPD Abgeordneten ablesen, die gleichzeitig Gewerkschaftsmitglieder
sind: von 251 SPD Abgeordneten sind 186 im DGB organisiert. Diese
hohe Personaldeckung führt logischerweise dazu, dass die
Gewerkschaften mit in die Krise gerissen werden.
Dazu kommt, dass die Arbeiteraristokratie
in den Gewerkschaften ausschließlich ihre eigenen materiellen
Interessen vertritt, wie wir z.B. an dem netten kleinen Häuschen
sehen können was sich IG-Metall-Chef Peters und sein Gewerkschaftskumpel
Hasso Düvel in Hannovers bester Wohnlage gekauft haben.16
Die von der Gewerkschaftsbürokratie
stets betriebene Politik zielt darauf ab, Kompromisse mit dem
Klassenfeind einzugehen, um ihre eigenen Privilegien zu sichern.
Um den Druck von unten abzulassen, haben sie zwar einige Forderungen
der Arbeiter mehr oder weniger artikuliert und auch halbherzig
versucht diese durch Warnstreiks17 durchzusetzen, jedoch haben
sie stets versucht eine Radikalisierung, Politisierung geschweige
einer Ausdehnung des Arbeitskampfes zu vermeiden. Die Folgen dieser
Strategie waren immer wieder "ungünstige" Tarifabschlüsse
und Teilniederlagen der Arbeiterklasse.
Diese verräterische Politik der Gewerkschaftsbürokratie
veranlaßt immer mehr Mitglieder den Gewerkschaften den Rücken
zu kehren. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres hatte zum Beispiel
die IG Metall 46.912 Austritte zu verzeichnen, das sind mehr als
doppelt soviele wie im ganzen vergangenen Jahr.
Insgesamt hat die IG Metall seit der Wiedervereinigung
1989 ca. eine Million Mitglieder verloren. Davon hat sie nachdem
900.000 neue Mitglieder aus der ex DDR beigetreten waren, 580.000
wieder verloren, da diese ihren Arbeitsplatz verloren haben, von
den heute noch 320.000 Beschäftigeten in der Metallbranche
in den neuen Bundesländern sind noch knapp 285.000 gewerkschaftlich
organisiert.18 Diese Zahlen spiegeln auch ein einen Unterschied
im Bewußtsein der Arbeiterklasse wieder. Der Organisationsgrad
dieser ist in Ostdeutschland viel viel höher. Anders als
ihre Kollegen im Westen haben sie keine so ausgeprägte traditionelle
Bindung an die Sozialdemokratie. Daher ist ihre Kampfbereitschaft
gegen "die da oben" viel ausgeprägter.
Bleibt zumindest die Frage, warum die übrigen
420.000 Arbeiter sich von der IG Metall abgewandt haben. Ein Grund
dafür ist die mangelnde Bereitschaft der Gewerkschaftsbürokratie
die Forderungen aus den eigenen Reihen konsequent durchzusetzen.
Sobald sie merken, dass die Kampfbereitschaft in den Reihen der
Arbeiter wächst, sind sie stets bereit Kompromisse einzugehen,
die letztes Endes eine Niederlage für die Arbeiter darstellen.
Offensichtlich verfolgt die Gewerkschaftsbürokratie eigene
Ziele, die mit denen der Arbeiter mitnichten übereinstimmen.
Wenn man mal genau hinsieht, stellt man fest, dass sie im Prinzip
nur versuchen ihre eigenen Interessen und Pfünde zu sichern,
weshalb sie immer darauf angewiesen sind die Bosse nicht zu sehr
zu verärgern.
An der von ihnen benutzten Terminologie
wie Standortsicherung, Wettbewerbsfähigkeit des Standorts
Deutschland läßt sich leicht ablesen, dass sie dieselbe
Ideologie vertreten der auch die Bourgeoisie anhängt. Keinesfalls
will sie eine unabhängige Politik vorantreiben, sie versuchen
nur ihre verräterische Klassenkollaboration durch eine soziale
Rhetorik zu decken.
Trotz gewisser gemeinsamer Interessen ist
die Gewerkschaftsbürokratie nicht homogen. Sie hat verschiedene
Flügel, die sich verfeindet gegenüberstehen und um ihre
jeweiligen Machtanteile erbittert kämpfen. So war es bei
dem letzten Metallerstreik im Osten, während dem sich plötzlich
zwei Lager bildeten, die sich eine öffentilche Schlammschlacht
lieferten. Dies hat zur Folge, dass die Gewerkschaften als Organe
der Arbeiterklasse immer tiefer in die Krise rutschen werden.
Wie es ein Betriebsfunktionär ausdrückte: "Für
junge Leute und Angestellte ist das Schauspiel von getrennten
Pressekonferenzen mit den beiden verfeindeten Vorsitzenden geradezu
abschreckend". Man rechnet damit, dass ungefähr 50.000 weitere
Mitglieder bis Ende des Jahres austreten werden.19
Das ist die erste Antwort vieler Arbeiter
auf den offensichtlichen Verrat an ihren Interessen. Angesichts
des Mitgliederschwundes und der Angriffe der Bourgeoisie versucht
sich die Gewerkschaftsbürokratie den neuen Verhältnisse
anzupassen und dafür zu sorgen, dass sie in Zukunft weiter
ihre Privilegien geniessen kann. Dieses Unterfangen läuft
jedoch nicht ohne Reibungen zwischen den verschiedenen Sektoren.
Dem rechten und "linken" Flügel ging es nur darum sich in
der neuen politischen Lage Deutschlands neu zu positionieren,
um klarzustellen wer in Zukunft der Ansprechpartner für die
Bourgeoisie sein wird.
Krise der Regierung
Nicht einmal ein Jahr nach den Bundestagswahlen
bereuen laut Umfragen 28 Prozent der SPD Wähler ihre Entscheidung.
Auch die freien Demokraten haben augenscheinlich einen großen
Prozentsatz ihrer Wähler enttaüscht (17%) und auch die
PDS steht nicht viel besser da: 12% ihrer ehemaligen Wähler
würden heute nicht mehr für sie stimmen. 20
Um den eingeschlagenen Reformkurs durchhalten
zu können und um die eigenen Reihen im Bundestag geschlossen
zu halten ist Schröder dazu gezwungen die Zukunft der Regierung
an die Durchsetzung der Reformen zu koppeln. Daher droht er mittlerweile
regelmäßig mit Rücktritt oder Auflösung der
Koalition.21
Dies spricht natürlich nicht gerade
für eine besondere Stärke der Regierung. Ein deutliches
Indiz für ihre Schwäche ist auch der starke Druck, den
die SPD Spitze auf die "Abweichler" ausübt, ganz entgegen
der bisher ach so unantastbaren "Freiheit des Mandats". Diesbezüglich
äußerte sich der aus Bayern stammende stellvertretende
Fraktionsvorsitzende Stiegler (SPD), indem er seiner Besorgnis
über die Zukunft der Regierung mit den Worten: "... nur miteinander
(also auch die Abweichler müssen für die Reformen abstimmen)
werden wir dieses Jahr überstehen"22, Ausdruck verlieh.
Für den SPD-Fraktionsvorsitzenden
Franz Müntefering ist die Abstimmung am 17. Oktober über
die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe noch weitaus
bedeutsamer als die über die Gesundheitsreform. "Dann geht
es um Alles oder Nichts. Wir können nicht mehr auf die Schwäche
der Union vertrauen. Unverzichtbar ist, dass wir eine eigene Mehrheit
haben"23
Es besteht die Gefahr, dass die Regierung,
wenn sie keine eigene Mehrheit für ihre "Reformen" zustande
bringt, entweder nur noch durch Duldung der Opposition an der
Macht bleibt oder gezwungen ist, eine große Koalition, bestehend
aus allen im Parlament vertretenen Parteien, (außer vielleicht
der PDS) zu bilden. Eine große Koalition würde das
Ansehen der Parteien weiter diskreditieren, da in den Augen der
Massen dann überhaupt keine Unterschiede zwischen der Sozialdemokratie
und den Christdemokraten mehr auszumachen wären, was im Endeffekt
das ganze Regime weiter destabilisieren würde.
Unter diesen Umständen könnte
sich in den Augen der Massen eine Alternative abzeichnen, die
von dem "Traditionalisten" Lafontaine ausgeht, der "die Seele"
des "linken Flügels" der Sozialdemokratie verkörpert.
Wie der SPD Abgordnete Ottmar Schreiner sagte: "Lafontaines Rücktritt
als Parteichef war ein Fehler - und ein großer Verlust für
die SPD." Er sei "nicht nur machtpolitisch eine Begabung, sondern
steht für sozialdemokratische Grundsätze, die in der
Reformdebatte unverzichtbar sind".24
Er hätte die Unterstützung der
Gewerkschaftsbürokratie und großer Teile der Arbeiter,
die in ihm die Kontinuität der sozialdemokratische Traditionen
sehen.
Lafontaine versucht indes sich zu profilieren,
indem er die Politik Schröders und seine Reformen öffentlich
anprangert. Dies scheint auch Erfolg zu versprechen, denn wie
Felix Maget sagte "Die SPD geht einen extrem risikoreichen Weg".
Seiner Meinung nach repräsentieren die sechs Abweichler bei
der Abstimmung über die Gesundheitsreform eine breitere Strömung
als ihre kleine Zahl vermuten lasse. "Die Partei ist alles andere
als geschlossen", sagte Maget.25
Bedingung für seinen Erfolg ist aber
der erfolgreiche Sturm auf den saarländischen Landtag als
Ausgangsposition für seine Kanzlerkandidatur.
In seinem politischen Diskurs greift er
den ungezügelten Kapitalismus und den vom Bush initiierten
Krieg an und plädiert für eine Besteurung von Kapitaltransaktionen
nach dem Tobin Modell, die von attac, vielen NGOs und der brasilianischen
Regierung gefordert wird. Er fordert außerdem eine Rückkehr
zur sozialen Marktwirtschaft, in der dem Staat wichtige Kontrollfunktionen
zukommen. Er propagiert also quasi einen Neokeynesianismus, allerdings
in seiner light Version. Dieser bietet jedoch keine wirklichen
Lösungen für Arbeitslosigkeit, Wirtschaftkrise, Verelendung
der Arbeitsverhältnisse und sonstige Miseren an, da er das
Fundament der kapitalistischen Produktionsweise, Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen, nicht in Frage stellt.
Welche Aufgaben haben
Revolutionäre heute?
Das deutsche Proletariat braucht keine
Lafontaines oder neue Parteien, die für die Klassenkollaboration
sind. Es braucht keine verräterischen Bürokratien in
den Gewerkschaften. Es braucht keine NGOs und keine präkapitalistischen
Theorien und Modelle wie die der Autonomisten.
Die Aufgabe der Revolutionäre heute
muß ein theoretischer und praktischer Kampf sein, um das
Grundgerüst einer internationalistisch-revolutionären
Arbeiterpartei aufzubauen, die in der Tradition der bolchevistischen
Partei steht.
Wir müssen uns theoretisch und praktisch
bewaffnen, um den Weg zur Diktatur des Proletariats zu ebnen.
Wir müssen für die absolute Klassenunabhängigkeit
gegenüber der Bourgeoisie und für die Hegemonie der
Arbeiterklasse vor den anderen unterdrückten und ausgebeuteten
Klassen der kapitalistischen Gesellschaft kämpfen.
Wir müssen für eine neue revolutionäre
Subjektivität der Arbeiterklasse kämpfen.
In diesem Sinne müssen wir eine umbarmherzige
Entlarvung der verräterischen Rolle der Gewerkschaftsbürokratie
durchführen. Wir müssen den Arbeitern sagen, dass sie
keine Hoffnung in solche "Führer" legen sollen. Wir müssen
für den Aufbau einer bolchewistischen Partei kämpfen.
Demonstrationen allein reichen nicht aus.
Um das Reformvorhaben von Regierung und Opposition zu stoppen,
muss die Basis in den Gewerkschaften für den Streik kämpfen.
Die Arbeiter müssen Komitees zur Organisation und Durchsetzung
von Streiks bilden. Diese müssen sich mit den Organisationen
der Arbeitslosen, Studenten usw. zusammenschließen, um den
Erfolg des Streiks zu sichern. Die in den Versammlungen getroffenen
Entscheidungen müssen von den Gewerkschaftsfunktionären
umgesetzt werden. Sollten sie sich weigern, müssen die Arbeiter
sie aus ihren Ämtern rausschmeißen. An ihrer Stelle
müssen dann Kollegen eingesetzt werden, die von der Basis
gewählt und jederzeit abwählbar sind.
Nur durch solche Maßnahmen können
wir die Angriffe der Regierung abwehren.
Fußnoten
1 Mitgliederbewegungen: Volksparteien verlieren
Parteivolk. FAZ, 02. Oktober 2003
2 Stoibers Triumph. Eine historische Wahl
und ein Kuriosum. FAZ, 22. September 2003
3 Interview zur Wahlbeteiligung mit Forsa
Chef Manfred Güllner: "Das ist eine Zumutung, da gehe ich
nicht hin". Spiegel Online, 22. September 2003
4 Dramatische Schwäche der SPD verhalf
Stoiber zum Triumph. Berlin AP, 22.September 2003
5 Stoibers Triumph. Eine historische Wahl
und ein Kuriosum. FAZ, 22. September 2003
6 Interview zur Wahlbeteiligung mit Forsa
Chef Manfred Güllner: "Das ist eine Zumutung, da gehe ich
nicht hin". Spiegel Online, 22. September 2003
7 Stoibers Triumph. Eine historische Wahl
und ein Kuriosum. FAZ, 22. September 2003
8 Universität Mainz. http://www.politik.uni-mainz.de/Bereich/bereich1210/lehre/Falter/Falter_VL_WS02_03/
FOLDL04_Wahlbeteiligung_Deutschland_WS0203.pdf
9 Herzog will 200 Euro Einheits-Kassenbeitrag.
Frankfurter Rundschau Online, 30 September 2003
10 SPD nach der Bayernwahl. Spiegel Online,
22. September 2003
11 Bei der SPD herscht weiter dicke Luft.
Saarbrücker Zeitung, 29. September 2003
12 Mitgliederbewegungen: Volksparteien
verlieren Parteivolk. FAZ, 02. Oktober 2003
13 SPD nach der Bayernwahl. Spiegel Online,
22. September 2003
14 Lafontaines Comeback hat scjon stattgefunden.
Spiegel Online, 05. Oktober 2003
15 Mitgliederbewegungen: Volksparteien
verlieren Parteivolk. FAZ, 02. Oktober 2003
16 Hamstern in Herrenhausen. Spiegel Online,
29. September 2003
17 Ein Warnstreik ist ein begrentzter Streik
um Lohnforderungen der Arbeiter Nachdruck zu verleihen. Politische
Streiks sind in Deutschland generell verboten.
18 Massenaustritt. Mitglieder flüchten
aus der IG Metall. Spiegel Online 10. Juli 2003
19 Massenaustritt. Mitglieder flüchten
aus der IG Metall. Spiegel Online, 10. Juli 200320 SPD-Wähler
bereuen ihre Entscheidung, Spiegel online. 24. September 200321
Die sieben Leben des Gerd S.Spiegel Online, 26. September 2003
22 Sozialreformen. Bei Scheitern soll es
Neuwahlen geben. FAZ, 29. September 2003
23 Ebda.
24 Lafontaines Comeback hat schon stattgefunden.
Spiegel Online, 05. Oktober 2003
25 Ebda.
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