ATTAC: Eine marxistische Analyse
Ein relativer neuer Spieler auf der Bühne
der deutschen Politik ist Attac. Am 22.01.2000 wurde Attac Deutschland
gegründet1 und blieb als kleine NGO mit unter 1.000 Mitgliedern
relativ unbekannt bis die Antiglobalisierungsbewegung als Ganzes,
sowie Attac im Besonderen, nach dem G8-Gipfel in Genua im Juli
2001 und dem für Europa ungewohntem Ausmaß an Polizeigewalt,
in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geriet.2 Der Medienrummel
um die Übergriffe und den Tod eines Demonstranten bescherten
Attac einen sprunghaften Mitgliederanstieg, obwohl sich Attac
ausdrücklich von den gewalttätigen Demonstranten distanzierte.
Ein Jahr später zählte Attac bereits über 10.000
Privatpersonen als Mitglieder in Deutschland.3
Dazu kommen Organisationen die sozusagen
kollektiv Mitglieder bei Attac sind, wie z.B. einige Gewerkschaften,
ver.di, DGBjugend, einzelne Landesverbände des DGB etc. ;
Jugendorganisationen der Grünen und der SPD, sowie kommunale
Verbände dieser beiden Parteien; kirchliche Vereinigungen
von Pax Christi bis hin zu verschiedenen ökumenischen Netzwerken,
und sogar Gruppen, die sich selbst als "sozialistisch-trotzkistische
Tendenzen" verstehen, ohne eine Partei sein zu wollen, wie
Linksruck (IST).4
Die Zusammensetzung von Attac im Zusammenhang
mit den Schwerpunkten die sich in ihrem Grundkonsens finden, führt
klar und deutlich vor Augen, dass die Ziele von Attac nicht nur
relativ verschwommen sind, z.B. "Attac wirft die Frage nach
wirtschaftlicher Macht und gerechter Verteilung auf"5, sondern
auch, dass die Zielsetzung von Attac rein auf Reformen ausgerichtet
ist. In Publikationen von Attac wird gefordert, durch "demokratische
Kontrolle und Regulierung der internationalen Finanzmärkte",
die durch die "kapitalistische Wirtschaftsweise entstehende
gesellschaftliche Ungleichheit auszugleichen"6. Auch die
Schwerpunkte ihrer Zielsetzung: Stabilisierung der Finanzmärkte
und Wechselkurse, Stärkere Besteuerung von Kapitaleinkünften
und großen Vermögen, Schuldenstreichung und nachhaltige
Entwicklung, Erhalt 7der sozialen Sicherheitssysteme8, machen
deutlich, dass Attac an die Reformierbarkeit des bestehenden Wirtschaftsystems
glaubt, dass für sie Kapitalismus nicht zwangsweise mit Ausbeutung,
Betriebsabwanderung ins Ausland und Massenentlassungen einhergehen
muss. Dies zeigt, dass Attac die Basis des herrschenden Wirtschaftssystems
leugnet, in dem die Konzerne darauf angewiesen sind, um jeden
Preis immer höhere Gewinne zu erwirtschaften. Jedoch ist
dies nur durch Ausbeutung sowohl der hiesigen Arbeiter, als auch
der Arbeiter in den neokolonialen Ländern zu erreichen. Auch
Attac kann keinen "humanen Kapitalismus" schaffen, auch
wenn die Attacies zum großen Teil daran zu glauben scheinen.
Attac will die notwendigen negativen Folgen des Kapitalismus abschwächen,
ohne an deren Grundlage, dem kapitalistische Wirtschaftssystem,
zu rütteln.
Diese gemäßigt bis radikal reformistische
Zielsetzung von Attac macht die Organisation zu einem natürlichen
Verbündeten der Gewerkschaftsbürokratie, die natürlich
auch an Reformen, Verhinderung der Abwanderung von heimischer
Industrie und damit einhergehenden Massenentlassungen interessiert
ist, um ihre eigene Basis zu schützen. Durch Attac hat sie
die Möglichkeit gefunden, ohne eigene Initiative oder zusätzlichen
Aufwand und ohne offen einen systemkritischen Standpunkt einnehmen
zu müssen, sich zumindest nominell für die Interessen
der nationalen Arbeiterschaft einzusetzen. Wen kann es da noch
wundern, dass Attac als Auffangbecken für frustrierte Sozialdemokraten
und Alt-Grüne fungiert, und sich Linksopportunisten wie Lafontaine
als Sprachrohr der Organisation profilieren?
Diese Instrumentalisierung von Attac durch die DGB Spitze als
verlängertem Arm von Rot-Grün, wurde besonders deutlich
durch die Unterzeichnung des DGB-Attac-VENRO (Dachverband entwicklungspolitischer
Nichtregierungsorganisationen) Papiers im Dezember 2002.9 Dabei
handelt es sich um eine gemeinsame Erklärung der drei oben
genannten Organisationen zum Thema: Globalisierung gerecht gestalten.
Schon der Titel erkennt "Globalisierung" explizit und
versucht die Illusion zu erwecken, dass man diese durch "politische
Gestaltung"10 zu einem Instrument "sozialer Gerechtigkeit"11
machen könnte. Außerdem wird als eine der ersten Forderungen
nach einem "sozialen und demokratischen Gesicht"12 für
die Globalisierung verlangt. Dies beschreibt schon recht treffend
den Tenor des gesamten Pamphlets, es geht darum, "die hässliche
Fratze der kapitalistischen Globalisierung etwas hübscher
zu schminken"13, und nicht etwa darum, die Wurzeln des Problems
anzugehen. So erkennt Attac in dieser Erklärung sowohl die
kapitalistischen Institutionen IWF, WTO und Weltbank genauso grundsätzlich
an14, wie die "potentiell nützliche Funktion von Finanzmärkten"15.
Das ganze Papier ist ein Bittgesuch an
die Bundesregierung, welches diese auffordert, sich "engagiert"
dafür einzusetzen, doch bitteschön die böse neoliberale
Globalisierung etwas netter zu gestalten und den großen
Konzernen ins Gewissen zu reden, damit sie "ihre soziale,
ökologische und menschenrechtliche Verantwortung und Verpflichtung
anerkennen"16. Damit negieren Gewerkschaftsspitze und Attac
die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit des Handelns der Massen,
getreu dem Prinzip einer Arbeiterdemokratie, indem die Initiative
allein der Regierung überlassen wird, und die Arbeiter, bzw.
die sie hier mehr oder weniger demokratisch vertretenden Gewerkschaften,
höchstens beratendend eingreifen. Darüber hinaus impliziert
die Formulierung bewusst, dass eine kapitalistische Globalisierung
nicht nur unaufhaltsam, sondern auch durchaus sozial-gerecht zu
gestalten sei.
Die Erklärung beinhaltet noch eine
Unzahl an weiteren unsäglichen Kompromissen wie z.B. dass
für die ILO (Internationale Arbeiterorganisation) nicht einmal
ein Mitspracherecht, sondern nur einen "Beobachterstatus"
bei WTO, IWF und Weltbank gefordert wird17, dass selbst GATS-
Verpflichtungen mit einigen "sozialen" Einschränkungen
anerkannt werden18, und dass Forderungen nach weltweiter, gerechter
Reichtumsverteilung19 dem Ziel der Bekämpfung der extremen
Armut" Platz machen, welche wiederum durch höhere Entwicklungshilfe
erfolgen soll20. Dies erkennt implizit den Reichtumsstatus Deutschlands
und anderer Industrieländer an und stellt dessen ausbeuterische
Grundlage mit keinem Wort in Frage. Wiedereinmal geht es nur darum,
ein paar Krümel an die "Armen" zu verteilen, damit
es ihnen nicht gar so schlecht geht und sie sich nicht etwa noch
am Ende gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker mit der Waffe
in der Hand zur Wehr setzen und so das Gleichgewicht unserer schönen
heilen Welt stören.
Dass dieses Papier auf undemokratische
Weise zustande gekommen ist, also von der Attac Führung ohne
Rücksprache und bewusst gegen den Willen von Teilen ihrer
Mitgliedschaft unterzeichnet wurde21, ist der Beweis für
die Übernahme bürokratischer Methoden wie derjenigen
unserer rot-grünen Regierung, die sich ja bekanntlich auch
der Wirtschaft zu liebe ständig über den Willen ihrer
Basis hinwegsetzt - siehe Agenda 2010. Da ist es nur die Krönung
des Ganzen, dass der von der Attac Führung mit solchen Zugeständnissen
umworbene DGB Chef Sommer, sich dann trotz Einladung auch von
der Gegenseite, entschloss zum World Economic Forum in Davos zu
fahren.22
Durch die undemokratische Art und Weise
wie sich die Attac Führung hier präsentiert hat und
durch ihr Abrücken von jedweder in irgendeiner Form "radikal"
klingenden Forderung, reiht sich die Organisation in die "nicht
ganz so goldene politische Mitte ein"23. Da rettet sie auch
nicht die Vorbemerkung aus Attac Sicht in der gesagt wird, dass
"die oft weitergehenden Forderungen aus der Attac-Erklärung
keineswegs überholt sind, sondern natürlich weiterhin
bestehen bleiben".24
Man kann strategische Bündnisse mit
anderen Organisationen eingehen um bestimmte Ziele zu erreichen,
aber diesen Bündnissen die eigenen Grundsätze unterzuordnen
bzw. diese explizit zu leugnen ist politischer Verrat und wird
auch dadurch nicht besser, dass man an anderer Stelle etwas anderes
schreibt oder flammende Reden auf Demonstrationen schwingt. Die
Organisation hat sich daher selbst als undemokratisch und verlogen
entlarvt.
Auch die erhebliche Kritik aus den eigenen
Reihen führte weder zu einem Umdenken noch zu einer Rücknahme
der Unterschrift durch die Attac Führung.25 Dies kann eigentlich
nur eine einzige Konsequenz haben, nämlich, dass diejenigen
ihrer Mitglieder und Unterstützer, die sich tatsächlich
für die Interessen der Arbeiter überall auf der Welt
einsetzen wollen, die an echte Demokratie und nicht an Schmierenkomödie
glauben, Attac den Rücken kehren und sich kritisch mit der
Organisation auseinandersetzen müssen. Wer das nicht tut,
und weiter "aus Kompromissgründen" in der Organisation
verbleibt, ist offensichtlich ebenso wenig demokratisch und genauso
opportunistisch und bürokratisch wie Attac selbst.
Aufgrund der anvisierten verschwommen -
reformistischen Ziele, die sich der heterogenen Zusammensetzung
ihrer Mitgliedschaft und deren widersprüchlichen Interessen
ergeben, bildet Attac den rechten Flügel der Antiglobalisierungs-bewegung.
Die Organisation versucht die, durch die explosive Mischung aus
genereller Enttäuschung über die bürgerlichen Demokratien
und tiefer Verunsicherung durch die immer schlechteren wirtschaftlichen
Verhältnisse unter Jugendlichen und Arbeitern, freigesetzten
Kräfte für sich zu nutzen und durch eine Politik zu
hegemonisieren, die letztendlich nicht mehr als ein Durcheinander
aus hilflosen Appellen an die "Politik" und faulen Kompromissen
darstellt.
Trotz alledem sollten Revolutionäre auch solche Organisationen
nicht aus den Augen verlieren, denn auch in Attac gibt es viele
idealistische junge Menschen, die etwas verändern wollen
und hoffen durch Attac wirklich etwas erreichen zu können.
Es ist unsere Pflicht, zu versuchen, unter diesen die politisch
fortgeschrittensten Elemente zu erreichen und für den Aufbau
einer revolutionären Partei zu gewinnen. Allerdings ist es
unumgänglich, alle Strömungen zu bekämpfen, die
uns glauben machen wollen, dass unser heutiges, allein auf Ausbeutung
und Profit ausgerichtetes System reformierbar sei. Die Entlarvung
dieser kleinbürgerlichen und reformistischen Kräfte
stellt eine notwendige Voraussetzung für das Entstehen einer
wirklich revolutionären Partei dar, da diese sich nur im
schonungslosen Kampf gegen den Opportunismus entwickeln kann.
Noten:
1 Attac Vorstellung, S. 5
2 Attac - Wer wir sind und was wir wollen, S.2
3 Attac Vorstellung, S.5
4 ibid. S.6
5 Selbstverständnis von Attac, S. 1
6 Attac, Wer wir sind und was wir wollen, S.2
7 Attac - Vorstellung, S.12
8 ibid. S.12
9 Undemokratische Methode, S. 1,2
10 Globalisierung gerecht gestalten, S.2
11 ibid. S.10
12 ibid. S.2
13 Undemokratische Methode, S.1
14 Globalisierung gerecht gestalten, S. 2
15 ibid. S.4
16 ibid. S.7
17 ibid. S.6
18 ibid. S.7
19 Attac Erklärung, S.2
20 Globalisierung gerechter gestalten, S.2
21 Undemokratische Methode, S.1,3; Junge Welt, S.1
22 Junge Welt, S.2
23 Undemokratische Methode, S.1
24 Vorbemerkung aus Attac Sicht, S.1
25 Junge Welt, S.1
Quellen:
attac-Beilage zur taz vom 08.Nov. 2001
http://www.attac-netzwerk.de/stuttgart. : Giegold, S., Klimenta,
H., Stiefel, R. Attac-Vorstellung.
01.2003.
http://www.attac.de/erklaerung/erklaerung.php
: Attac - Erklärung. 26.05.2002
http://www.attac.de/selbstverstaendnis/selbstverstaendnis.php:
Attac - Selbstverständnis. 10.2001.
http://www.hamburger-ilustrierte.de/w2d/hillu/international/report/globalisierungsgerechtigkeit
:
Globalisierung gerecht gestalten. Gemeinsame Erklärung von
Attac, VENRO und dem DGB.
12.2002.
http://www.attac-netzwerk.de/debatte/dgb_ludwig.php
: Ludwig, Claus. Undemokratische Methode.
06.01.2003
http://www.attac.de/archiv/gemerkl.php
"Vorbemerkung aus Attac - Sicht"
http://www.jungewelt.de/public_php/drucken_popup.php?num=10&djahr=2003
:
Klas, Gerhard. Wohin geht ATTAC? In "Junge Welt". 17.01.2003.
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