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Zur Lage in Bolivien

Kurz vor dem Verstreichen der "Schonfrist" gegenüber der Regierung des "Progressisten" Mesa steht Bolivien vor einer neuen Welle der Proteste und Streiks gegen die Fortführung der neoliberalen Politik des Vorgängers, des Schlächters Sánchez de Lozada. Die COB (Bolivianische Arbeiterzentrale) hat zum Generalstreik, Blockaden und zur Schließung des Parlaments aufgerufen, welcher von der CSUTCB (Gewerkschaftsbündnis der indigenen LandarbeiterInnen und der ArbeiterInnen in Bolivien) unterstützt wird.

Der Aufruf der COB die Regierung zu stürzen und das Parlament zu schließen, falls sie ihren Forderungen nicht nachkommen sollte, sind ein Beweis dafür, dass die Lateinamerikanische Massen zunehmend dazu übergehen, ihre Probleme außerhalb der "demokratischen Instanzen" lösen zu wollen. Sie gehen zu direkten Aktionen über, welche die bürgerliche Demokratie der Reichen und der Konzerne in Frage stellen.

Die von den USA und der EU unterstützten Demokratien, dienen nur der Ausplünderung der materiellen und menschlichen Ressourcen der Halbkolonien. Sie sind lediglich ein Versuch, deren Profitgier, durch die Fiktion von Demokratie und "freien Wahlen", Legitimität zu verleihen. Wie der Aufruf der COB zur Schließung des Parlaments zeigt, haben die Arbeiter und Bauern in Bolivien diese Maskerade durchschaut. Nun wollen sie eine "Asamblea Popular" aus Arbeitern, Bauern und Angehörigen der Mittelklasse bilden, welche die Aufgaben des Parlamentes übernehmen soll.

Damit diese jedoch wirklich die Interessen der Massen, der Arbeiter, der Bauern und der Armen, vertritt, muss eine revolutionäre "Asamblea Popular" entstehen, die für die Zerstörung des bürgerlichen Staates kämpft und in der die Arbeiter die Hegemonie gegenüber den Bauern und der "Mittelklasse" haben.

Der Linkspopulist Evo Morales, der bisher als ein Verfechter des Willens der Armen und der Indianer galt, versucht jetzt dieses Parlament, an das die Massen nicht mehr glauben, zu retten. In einem Interview hat er den Streikaufruf der COB scharf kritisiert, indem er diesen als " überstürzt " und " voreilig " verurteilte. Dabei fügte er hinzu, "Diejenigen, die die Schließung des Parlaments ankündigen, akzeptieren die Demokratie nicht. Sie wollen einen Staatsstreich und wünschen sich eine Diktatur wie sie die US-Botschaft und Lozada gern hätten".1

Evo Morales erweist sich hier wiedereinmal als ein Reformist, der zwar über Sozialismus spricht, aber an Marktwirtschaft glaubt. Seine ganze Strategie ist eklektisch bis ins Mark: "Mein Ziel ist noch immer der Sozialismus in Bolivien. Selbstverständlich mit Respekt gegenüber den ehrlichen und verantwortungsvollen Unternehmern. Wir befinden uns in einem Prozess tiefgreifender Veränderungen in dem man die "Mischwirtschaft" anwenden sollte. Auf jeden Fall, meine Vorstellung ist, Sozialismus unter Wahrung des Privateigentums2.

Die Strategie der MAS beschränkt sich darauf, ihre ganzen Hoffnungen in die Wahlen von 2007 zu setzen, durch die sie hofft an die Regierung zu kommen3. Für sie sind nicht die lebendigen sozialen Prozesse entscheidend, sondern parlamentarische Querelen. Evo Morales leidet also ganz offensichtlich unter einer altbekannten Krankheit: Dem parlamentarischen Kretinismus.

Für ihn dienen die Arbeiter, Bauern und Indigenen ausschließlich dazu, ihn und die MAS an die Regierung zu bringen. Sollten die Arbeiter und Bauern jedoch jetzt das Parlament schließen, wäre sein gemütlicher Sitz dahin und mit ihm auch seine politische Bühne.

Der Mallku, Felipe Quispe, traf den Nagel auf den Kopf, als er das Handeln von Evo Morales mit den Worten "Evo Morales ist Teil der Regierung Mesas und ..deshalb zweifelt er die Gewerkschaften an" erklärte.4

Anders als Evo Morales und die MAS will die COB anstelle des jetzigen Parlamentes, für die Wiedereinführung der "Öffentlichen Versammlung" kämpfen, falls die Parlamentarier nicht zugunsten des Volkes entscheiden und Sánchez de Lozada bestrafen.5 Daraufhin hat das Parlament beschlossen sich aus der Schusslinie zu bringen und nach der vergleichsweise reichen und ruhigen Stadt Sucre umzuziehen.

Klassenkampf oder Bruderkrieg?

Unterdessen bemüht sich die Bourgeoisie den ihr drohenden Zusammenbruch nach dem alten Prinzip "teile und herrsche" abzuwenden. Der bolivianische bürgerliche Nationalismus versucht, die wirtschaftliche Rückständigkeit und Abhängigkeit Boliviens zu erklären, indem sie alle Schuld auf den Verlust der Küstengebiete im Pazifikkriegs schieben (1879). Damals gab es einen Krieg zwischen Peru und Bolivien auf der einen und Chile auf der anderen Seite, aus dem Chile mit der Unterstützung Englands als Sieger hervorgegangen war. Selbstverständlich verschweigen sie, dass in Wirklichkeit einzig und allein der englische Imperialismus von diesem Bruderkrieg profitiert hat. Indem sie den Verlust des Zugangs zum Meer als Wurzel allen Übels, d.h., aller wirtschaftlichen Probleme Boliviens darstellt, treibt sie ein Keil zwischen das chilenische und bolivianische Proletariat. So versucht die Bourgeoisie dem Volk vorzugaukeln, dass die chilenischen Arbeiter und Bauern das Problem sind und nicht die Multinationalen. Die Arbeiter und Bauern Boliviens sind nicht etwa deswegen arm weil sie von der einheimischen und internationalen Bourgeoisie ausgeplündert werden, sondern weil ihnen die bösen chilenischen Arbeiter und Bauern ihre Küstengebiete weggenommen haben. Auf diese Art und Weise wollen sie erreichen, dass sich die Arbeiter und Bauern gegenseitig bekriegen, anstatt sich zu vereinen und gegen den gemeinsamen Feind, nämlich die Bourgeoisie zu kämpfen. Klar ist auch, dass wer in einem solchen nationalistischen Krieg kämpft, leidet und stirbt, zuerst einmal die Arbeiter und Bauern sowie deren Familien sind. Die Kapitalisten und ihre Kinder stehen weder in vorderster Front noch müssen sie Hunger leiden, sollte das nationalistische Unternehmen Schiffbruch erleiden, kann, wer genügend Geld hat, sogar ins Ausland verschwinden. Wie man es auch betrachtet, aus einem solchen Bruderkrieg kann nur die Bourgeoisie Kapital schlagen, das Proletariat, ob peruanisch, bolivianisch oder chilenisch kann immer nur verlieren.

Man muss ganz klar sagen, dass es sich bei der ganzen nationalistischen Rhetorik nur um ein Ablenkungsmanöver der Bourgeoisie handelt, welches sowohl verschleiert, wer die eigentliche Schuld an der bitteren Armut trägt und sogar noch Profit aus dieser schlägt, als auch ein passendes Ventil für die aufgestaute und gerechte Wut der Massen zu schaffen sucht. Bekriegen sich diese erst einmal gegenseitig, bleibt ihnen keine Kraft mehr sich gegen die Blutsauger zu wenden, die an ihrer Misere schuld sind. Somit bleibt also die Stellung der in- und ausländischen Bourgeoisie gesichert. So versucht das Kapital gleich mehrere Probleme auf einmal zu lösen.

Selbst die angeblich so progressive, reformistische MAS ist mittlerweile auf den nationalistischen Zug aufgesprungen. Für sie zählt nicht mehr der Kampf gegen den Ausverkauf der bolivianischen Ressourcen (z.B. des Gases) an transnationale Konzerne zu unsäglichen Bedingungen, nein, plötzlich ist es für sie entscheidend, ein vor hundert Jahren verlorenes Stück Küste zurückzubekommen. Damit positioniert sich die MAS nicht nur eindeutig anti - sozialistisch sondern sogar deutlich auf der Seite der Bourgeoisie und ihrer Konzerne. Wer auf der einen Seite solche nationalistischen Parolen unterstützt, straft sich selber Lügen, wenn er andererseits behauptet für "Sozialismus" zu kämpfen.

Alle diese Opportunisten, die jetzt versuchen die Massen irrezuführen und ihnen weismachen wollen, der Feind seien die Massen, die Arbeiter, die Bauern und die Armen, die zufällig von einem anderen Regime, in einem anderen Staat ausgebeutet werden und nicht die parasitäre Bourgeoisie, die sie zuerst in ihrem eigenen Staat bekämpfen müssen, sind, da mögen sie von "Sozialismus" faseln soviel sie wollen, nichts als Verräter. Wenn die Massen erkennen, welch falschen Weg sie ihnen predigen und welchen Schaden ihre verräterische Hetzerei anrichtet, wird sich ihre Wut und Enttäuschung gegen sie richten, und diese Verräter werden für immer im Mülleimer der Geschichte verschwinden!

 

* NIEDER MIT DER DEMOKRATIE DER REICHEN, DER PRIESTER UND DER MILITÄRS

* NIEDER MIT IWF UND WELTBANK

* KEINE BEZAHLUNG DER AUSLANDSCHULDEN

* FÜR EINE REVOLUTIONÄRE ASAMBLEA POPULAR

* FÜR EINE ARBEITER-, BAUERN- UND ARMENREGIERUNG

* FÜR EINE FÖDERATION SOZIALISTISCHER STAATEN DER ANDENREGION UND LATEINAMERIKAS

 

Fußnoten

1 Der " Mallku " geht mit der COB - Morales in die andere Richtung. Redacción de Econoticiasbolivia.com

La Paz, 25/1/2004.

2 Evo Morales: "EE.UU. quiere que Chile sea el Israel de Latinoamérica". Página 12, Buenos Aires, 21/1/2004

3 Siehe unser Artikel Bolivien und der Kampf ums Gas

4 Der " Mallku " geht mit der COB - Morales in die andere Richtung.

5 Siehe: http://www.econoticiasbolivia.com/documentos/notadeldia/cobhuelg.html