Januar 2003
Trotzki und Gramsci
Ein posthumer Dialog
Von Emilio Albamonte und Manolo Romano
Antonio Gramsci, wie Trotzki , war ein Erbe des Denkens der Komintern vor ihrer stalinistischen Entartung. Diese war die bedeutendste revolutionäre Organisation der Arbeiterklasse, die jemals existierte: der Marxismus in der Offensive. Während heute der Trotzkismus nur noch eine sehr schwache Kontinuität mit jener revolutionären Bewegung der Vorkriegszeit aufweisen kann, erfuhr die Theorie von Gramsci ein noch bitteres Schicksal. Nach dem II Weltkrieg wurde Gramscis Gedanke von der italienischen KP von Palmiro Togliatti und später vom Euro-Kommunismus aufgegriffen, um eine Strategie zu formulieren, die offen das bürgerliche Regime unterstützte (eine theoretische Operation, die der Stalinismus mit dem Vermächtnis Trotzkis niemals hätte erfolgreich durchführen können); heutzutage weitverbreitete Lektüre in akademischen Kreisen, benutzt von allerart Karrieristen und Regierungsbeamten.
Obwohl wir in diesem Artikel, so wie wir es verstehen, die Limitationen von Gramscis Ansichten aufzeigen, sind wir uns sehr wohl bewusst, dass, so wie der Stalinismus in keiner Weise ein direktes Produkt des Bolschewismus sondern eher seine konterrevolutionäre Entartung darstellt, genau sowenig geht die Mehrheit von Gramscis Anhänger, von denen viele "organische Intellektuelle" der Bourgeoisie oder Berater der Gewerkschaftsbürokratie sind, aus dem Erbe des italienische Kommunisten hervor.
Wir sind nicht die ersten, die eine kritische Parallele zwischen Trotzkis und Gramscis Ideen zu ziehen versuchen. Perry Anderson eröffnete, vom Standpunkt des akademischen Marxismus aus, eine Debatte um die Mehrdeutigkeiten des von Gramsci benutzten Grundkonzept der Hegemonie. Dies stellte eine echte Pionierarbeit dar, in der Trotzkis1 theoretischen Ansichten berücksichtigt werden, was bis dahin selbst trotzkistische Strömungen vollkommen versäumt hatten.
Das Hauptanliegen unserer Studie liegt darin, die beiden theoretischen Systeme in ihrer Gesamtheit gegenüberzustellen, besonders in ihren verschiedenen Eigentümlichkeiten: z.B. der Begriff vom kapitalistischen Gleichgewicht und die Theorie der Permanenten Revolution bei Trotzki und die Beziehung zwischen Gramscis Manöverkrieg-Stellungskrieg, sowie die Anwendungen seiner Kategorie der passiven Revolution, die, wie wir glauben, von den revolutionären Marxisten stark unterschätzt worden ist.
Das erste Ergebnis der direkten Gegenüberstellung der beiden theoretischen Perspektiven ist die Entstehung neuer Konzepte die Dialektisierung anderer, welche ein besseres Verständnis der komplexen politischen Weltlage seit dem II Weltkrieg ermöglicht - der Ära der sogenannten "Yalta Ordnung", die ausgehend von der Niederlage des Nazi-Faschismus, die Konsolidierung der Hegemonie des US-Imperialismus auf der Welt sowie die verräterische Kontrolle des Stalinismus über den größten Teil der internationalen Arbeiterbewegung ermöglicht.
Obwohl wir versuchen durch neue theoretische „Werkzeuge" zu einem tieferen Verständnis darüber zu gelangen, "wie die herrschende Klasse" in der Vergangenheit "herrschte" und auf welcher Grundlage ein neuer Massen-Reformismus nach dem Ende des II Weltkrieges entstand, ist unser wichtigstes Ziel, die die Revolution behindernden Mechanismen und den Kampf gegen den Reformismus in der Gegenwart zu entschärfen und zu bekämpfen. Der Vergleich zwischen den Theorien von Gramsci und Trotzki - im Kontext der bewegten geschichtlichen Periode, zwischen erstem und zweitem Weltkrieg, in der sie entstanden sind- verfolgt vor allem das Ziel, die Beziehung zwischen den drei großen geschichtlichen Phänomenen - kapitalistische Krisen, Kriegen und Revolutionen - klarzustellen, um ihre künftige Dynamik zu bestimmen.
Zwischen den beiden Kriegen
Abgesehen davon, wie instabil oder dekadent die Situation des US-Imperialismus in der jetzigen Weltlage zu sein scheint, die Hegemonie des nordamerikanischen Imperialismus erscheint heute gewissermaßen naturgegeben.
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war dies jedoch keineswegs der Fall, genauso wenig wie sich die Eroberung seiner Vormachtstellung als ein 'natürlicher' Prozess darstellt.
Weit davon entfernt ist sie das Ergebnis eines Interregnums, das mit dem Hereinbrechen des Weltkrieges anfing, und in dem die Definition Lenins ihren deutlichsten Ausdruck fand: eine 'Epoche von Krisen, Kriegen und Revolutionen'.
Der revolutionäre Marxismus muss der grundsätzlichen Wende innerhalb der Herrschaftsbeziehungen in dieser Epoche Rechnung tragen: Der Verschiebung der imperialistischen Hegemonie vom alten England zu den aufsteigenden USA.
Welche waren die Voraussetzungen dieser großen Veränderung und wie kam sie zustande?
Der marxistischer Ökonom Isaac Joshua gelangt zu einer hervorragende Synthese bezüglich des Zeitraumes zwischen den zwei Weltkriegen und der Großen Depression.: "Die dem Goldstandard zugeschriebenen Missetaten haben gezeigt, dass die Pfundkrise einer der Schlüsselpunkte der Depression der 30er Jahren war.
Eine Pfundkrise, die als eine Hegemoniekrise darstellte, oder besser gesagt, als eine Krise "zwischen Zwei": Großbritannien kann die Zügel nicht mehr halten, während die USA noch unfähig sind, sie in die Hand zu nehmen.
Die USA machen es Großbritannien unmöglich weiter zu machen wie bisher und werden ihrerseits bei den Versuch die Oberhand zu gewinnen von Großbritannien behindert.
Auch hier trug der Erste Weltkrieg seinen Teil bei: er beschleunigte eine Entwicklung, die sowieso stattgefunden hätte. Was früher nur Haarrisse im Gebäude waren, wurden durch ihn zu breiten Rissen.
Er setzte das Problem auf die Tagesordnung, konnte es jedoch nicht lösen. Die Geschichte eröffnete eine instabile Periode, und das Boot wurde führerlos der Gewalt des Windes überlassen".
Joshua bemerkt auch: "1918 (...) war der Starke noch nicht stark genug und der Schwache noch nicht schwach genug. In ihrer internationalen Dimension stellt die große Krise deutlich eine Krise "zwischen Zwei" dar, zwischen einem Ersten Weltkrieg, der sich damit zufrieden gab, die Probleme auf der Tagesordnung zu setzen, und einem Zweiten Weltkrieg, der sie zugunsten der amerikanischen Hegemonie löste"2.
Genau dies war die Periode, in der sich die revolutionäre Tätigkeit von Trotzki und Gramsci entfaltete, und die als Rahmen für den von uns angestrebten Vergleich zwischen ihren Positionen dient.
Zunächst wollen wir hervorheben, dass das erste gemeinsame Berührungspunkt zwischen Leo Trotzki und Antonio Gramsci das beide der neuen Rolle der USA3 als Weltmacht im Vergleich zu dem verfallenden England große Bedeutung zumaßen. Und das wichtigste ist, dass beide dies vom selben methodologischen Standpunkt aus taten: dem Gesetz der Produktivität der Arbeit.
Mit Bezug auf die Überlegenheit des amerikanischen Kapitalismus, behauptete Trotzki "Das Gesetz der Produktivität der Arbeit ist von entscheidender Bedeutung bei den gegenseitigen Beziehungen zwischen Europa und Amerika und überhaupt bei der Bestimmung der zukünftigen Stellung der Vereinigten Staaten in der Welt. Diese höchste Form, die die Yankees dem Gesetz der Arbeitsproduktivität verliehen, ist das Fließband, die standardisierte oder Massenproduktion. Es könnte erscheinen, dass der Punkt, von dem der Hebel des Archimedes die Welt aus den Angeln heben sollte, gefunden war."4
Im selben Sinne argumentierte Gramsci: "Was ist der Bezugspunkt für die entstehende neue Welt?". Seine Antwort ist: "Die Welt der Produktion, der Arbeit".
Daher widmet er dem Studium des Fordismus besondere Aufmerksamkeit und beschreibt diesen als die industrielle Politik der die dynamischsten Sektoren der nordamerikanischen Bourgeoisie anhängen, um "die programmierte Wirtschaft zu erreichen" in der "die neuen Methoden von Arbeit eng mit einer bestimmten Lebensweise, einer Denkweise und einem Lebensgefühl, verbunden sind". All diese Elemente kündigen also eine neue Kultur an: den "Amerikanismus"5. "Allgemein läßt sich sagen, dass der Amerikanismus und der Fordismus -behauptet Gramsci- aus der iimanenten Notwendigkeit hervorgehen, zur Organisation einer programmatischen Ökonomie zu gelangen (...) den Übergang vom alten ökonomischen zur programmatischen Ökonomie ".
Und er geht darüber hinaus , indem er behauptet, dass die USA 'auf scharfsinnige Weise die Gewalt (Zerschlagung des territorialen Arbeiter-Syndikalismus) - Branchengewerkschaften A.d.Ü. - mit mit Überredung (hohe Löhne, verschiedene soziale Begünstigungen, eine sehr kluge ideologische und politische Propaganda) vereinigten, um sowohl die Herstellung als auch die Arbeit zu rationalisieren; auf diese Art und Weise konnte das ganze Leben des Landes um die Produktion kreisen zu lassen.
"Die Hegemonie entsteht in der Fabrik und ihre Anwendung benötigt nur ein kleine Menge berufliche Mittelsleute der Politik und der Ideologie".
Außer der gemeinsamen Sorge die Überlegenheit Amerikas aufzuzeigen, indem sie sich auf die Produktivität von Arbeit stützten, gehen beide von derselben Definition des in der Periode direkt nach dem I Weltkrieg herrschenden Kräfteverhältnisses aus. Die Kategorie 'instabiles Gleichgewicht' oder 'relative Stabilisierung' des Kapitalismus stammt aus einem Bericht, den Trotzki dem III Kongreß der Komintern 1921 lieferte. Diese Ansicht, die auch die Komintern teilte, war beiden Revolutionären gemeinsam.
Diese Definition war folgende: 'Das kapitalistische Gleichgewicht ist ein komplexes Phänomen; das kapitalistische Regime stellt dieses Gleichgewicht her, zerstört es, um es wieder herzustellen und es wieder zu zerstören, wobei es jedes Mal die Grenzen seiner Herrschaft ausweitet. Auf der wirtschaftlichen Ebene stellen die Krisen und die Verschärfungen der Aktivitäten, Brüche und Wiederherstellungen des Gleichgewichtes dar. Auf der Ebene der Klassenbeziehungen drückt sich der Bruch des Gleichgewichtes in Streiks, in lock-outs oder im revolutionären Kampf aus. Auf der Ebene der Beziehungen zwischen Staaten drückt sich der Bruch des Gleichgewichtes in der Regel in Kriegen zwischen Staaten, oder in abgemilderter Form in Zoll- bzw. Wirtschaftskriegen aus oder auch in wirtschaftlichen Blockaden. Der Kapitalismus hat also ein instabiles Gleichgewicht, das von Zeit zu Zeit bricht und sich danach wieder einstellt. Gleichzeitig besitzt dieses Gleichgewicht eine gewaltiges Widerstandskraft: Der beste Beispiel hierfür ist der Fortbestand des Kapitalismus".
Weit entfernt von irgend einer Form von wirtschaftlichem Determinismus behauptet Trotzki, dass „ die Analyse von wirtschaftlichen Zuständen und Tendenzen sowie der politischen Weltlage als Ganzes, mit ihren Beziehungen und Widersprüchen, d.h. inklusive ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten, die die einzelnen Bestandteile zu einander in Widerspruch setzt, als Ausgangspunkt betrachtet werden soll"6.
Die Originalität von Trotzkis Ansatz liegt darin, dass er die Rolle von subjektiven Faktoren als entscheidende Elemente im Gang der kapitalistischen Wirtschaft anerkennt, was diejenigen, die ihm eine gemeinsame Note mit dem wirtschaftlichen Determinismus der 2. Internationale7 unterstellen, offensichtlich übersehen haben. Um alle Zweifel auszuräumen: 'Wenn wir gefragt werden, "welche Garantien gibt es dafür, daß der Kapitalismus sein Gleichgewicht nicht durch zyklische Schwankungen wieder herstellen wird"?, würden wir dann antworten: 'Es gibt keine und es kann keine Garantien geben'. Wenn wir die revolutionäre Natur der Arbeiterklasse und ihres Kampfes sowie die Arbeit der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaften außer Acht lassen, und dafür die objektiven Mechanismen des Kapitalismus als Maßstab nehmen, könnten wir dann sagen: ‚Sollte die Intervention, der Kampf, der Widerstand, die Selbstverteidigung und die Offensive der Arbeiterklasse scheitern, könnte der Kapitalismus natürlich sein Gleichgewicht wiederherstellen, jedoch nicht das alte, sondern eine neue Art von Gleichgewicht."8
Gramsci, seinerseits, entwickelt den Begriff der "organischen Krise", der obwohl er hauptsächlich auf der Ebene des Nationalstaates angewandt wird, mit dem Begriff "Bruch des kapitalistischen Gleichgewichts" vergleichbar ist, den Trotzki zur Analyse des internationalen Szenariums benutzt9.
Um das Kräfteverhältnis zu bestimmen weist Gramsci darauf hin, dass es „eine andere Sache ist es, zu bestimmen, ob grundlegende historische Krisen unmittelbar von wirtschaftlichen Krisen verursacht werden. (...) Man kann ausschließen, dass wirtschaftliche Krisen von sich aus grundlegende Ereignisse verursachen können; sie können nur einen Nährboden für das Ausbreiten von neuen Denkweisen, von neuen Darstellungs- und Lösungsansätzen darstellen, die die weitere Entwicklung des staatlichen Lebens ausmachen. (... )Auf jeden Fall kommt es nicht unmittelbar auf Grund der Verelendung sozialer Gruppen, die Interesse daran haben das Gleichgewicht der Kräfte zu zerstören, und es auch de facto zerstören, zum Bruch desselben, sondern im Gegenteil, im Rahmen von Konflikten die der unmittelbaren Wirtschaftswelt übergeordnet sind, und die mit dem Klassenprestige verbunden sind (zukünftige wirtschaftliche Interessen), d.h. eine Vertiefung des Gefühls der Unabhängigkeit, der Autonomie und der Macht." 10
Ausgehend von dieser gemeinsamen theoretischen Grundlage - nennen wir sie wirtschaftlich antikatastrophistisch - von der sowohl Trotzki und Gramsci in den '20 Jahren ausgehen11, werden wir nun die von den beiden Revolutionären aufgezeichneten Perspektiven für die internationale Lage in der nächsten Periode betrachten.
Die "passive Revolution"
Eine Untersuchung zeigt "es ist wichtig Gramscis Anmerkung, die besagt, dass die zeitgenössische historische Periode nach dem I Weltkrieg vom Begriff 'passiver Revolution' ausgehend untersucht und analysiert werden kann.
Nach den Verheerungen des Weltkrieges und der anschließend folgenden tiefen Krise, die mit der Niederlage der proletarischen Revolution im Westen endete, schien eine ganze Epoche zu Ende zu gehen. In der Tat war es der Bourgeoisie gelungen, die Situation unter Kontrolle zu bringen und die revolutionären Kräfte trotz hartnäckigen Widerstands zu neutralisieren. Daher schien die Periode "relativer Stabilisierung" des Kapitalismus mehr als eine bloße konjunkturelle Zwischenstation"12.
Tatsächlich stellt sich Gramsci die Frage ob "der Amerikanismus eine ganze historische Epoche konstituieren könnte, d.h., ob er eine graduelle Entwicklung bestimmen könnte nach dem Beispiel (...) der "passiven Revolutionen " des letzten Jahrhunderts (...) oder ob im Gegenteil Aufstände wie seinerzeit in Frankreich oder in Russland losbreche werden"13 wobei er diese letzte Möglichkeit gegenüber den schon von Marx und Engels angesprochenen "Revolutionen von Oben" vorzog.
Das Konzept der passiven Revolution14 nach Gramsci entsteht aus dem Zusammenfluss von mindestens drei Ideenströmen. Die Idee einer Wiederanpassung der herrschenden Klasse mittels einer "Revolution von oben" als Antwort auf den Druck der Massen kann schon bei Marx selbst gefunden werden, sowie auch der Ursprung des von Trotzki verwandten Begriffes "permanente Revolution" in Marx Schriften seinen Ursprung hat. Jedoch bedeuten beide Kategorien in der imperialistischen Epoche etwas vollkommen anderes als im 19. Jahrhundert. Marx und Engels schließen 1851 nach dem Putsch von Louis Bonaparte in Frankreich "Die Periode der Revolutionen von unten war einstweilen geschlossen; es folgte eine Periode der Revolutionen von oben", und führen als Beispiel nicht nur die mit Bonaparte erfolgte Rückkehr zum Imperium in Frankreich, sondern auch "seinen Nachahmer Bismarck", der in Preußen "seinen Staatsstreich und seine Revolution von oben 1866" vollzog15 an.
Daher kommt die analoge Schlussfolgerung des italienischen Revolutionärs: Wenn auf die Periode der bürgerlichen Revolutionen, angefangen 1789 mit der großen Französichen Revolution bis 1848, der Zyklus der "Revolutionen von oben" folgt, stellt sich die Frage, ob die bolschewistische Revolution von 1917, das "Frankreich" der Ära der proletarischen Revolution, nicht von einem Zyklus passiver Revolutionen beantwortet werden könnte. In dieser gramscianische Interpretation der Beziehung zwischen dem revolutionärem Aufschwung und der entsprechenden Gegenreaktion der Konterrevolution bei gleichzeitiger Umwandlung zum modernen Staat der westlichen Demokratien, liegt eine der Grundlagen für seine Definition: "die Formel von achtundvierzig von der 'permanenten Revolution' wird in der Politikwissenschaft durch die Formel der 'zivilen Hegemonie' entwickelt und überholt16, weil "die inneren und internationalen Organisationsbeziehungen des Staates komplexer und fester wurden". In diesem Sinne bedeuteten auch der Fordismus und der Amerikanismus -mit den von ihnen durchgeführten staatlichen Modifizierungen- einen Entwicklungsversuch der Produktivkräfte auf der Basis der relativen Stabilität, die der Kapitalismus in den '20 Jahren dank der Zurückschlagung der internationalen revolutionären Welle - die dank der Auswirkungen der Oktoberrevolution 1917 in Europa besonders ausgeprägt war - erreichte; daher bezeichnet Gramsci die passive Revolution auch als eine "Revolution-Restauration".
Zweitens greift Gramsci die Idee der italienischen Geschichte selbst auf: "(...) der Begriff „passive Revolution" im Sinne Vincenzo Cuocos in bezug auf die erste Phase des italienischen Risorgimento"17 weitet er auf die ganze Periode der nationalen Einigung, die mit den Ereignissen von 1848 und 1849 beginnt und 1871 mit die Anerkennung Roms als Hauptstadt Italiens endet. Die italienische Einheit als bürgerlichen Nation wurde innerhalb der, von der Allianz der Bourgeoisie aus dem Norden mit den Großgrundbesitzern aus dem Süden, gesteckten Grenzen durchgeführt. Anders als bei der großen Französischen Revolution wurde dabei den Bauern weder Land zugestanden noch sonstige Konzessionen gemacht, wie z.B. die geforderte Agrarreform. So wurde eine historisch gesehen fortschrittliche Aufgabe wie die Einigung Italiens, auf reaktionäre Art und Weise, durch die Partei der Moderaten mit dem militärischen Subjekt, der Armee und des Staates Piemont durchgeführt.
Dies löste eine "Diplomatisierung der Revolution" aus, die im krassen Gegensatz zum französischen Modell steht.
Dafür bediente sich die Bourgeoisie des "Transformismus", einer Methode mit der sie die radikalsten Führer der Aktionspartei in das Programm der Moderaten eingliederte, sie für es einnahm und sie auf dieses einschwor, sie quasi transformierte. Auf diese Weise ordneten sich die radikalen Führer dem rechten Flügel des Prozesses unter, statt eine aktive Rolle zu spielen, wie seinerzeit die "Jakobiner". Gramsci warnte also vor einer von oben paktierten "passiven Revolution", die bürgerliche Bremse der sozialistischen Revolution also, die nun in der Epoche der proletarischen Revolution drohte18.
Schließlich macht Gramsci von diesem Begriff angesichts einer brennenden politischen Notwendigkeit Gebrauch: eine Antwort auf den Aufstieg des Faschismus zu geben. Gramscis Position steht in krassem Widerspruch zu der Evaluation der Führung der KPI über die Erfolgsmöglichkeiten Mussolinis an die Macht zu kommen. Trotzki äußerte sich darüber mit den folgenden Worten: "Mit einer einzigen Ausnahme, nämlich Gramsci, schloss die Kommunistische Partei, wie mir italienische Freunde mitteilten, selbst die Möglichkeit der faschistischen Machtergreifung aus" 19.
Obwohl die Analyse dieses neuen Phänomens - die großangelegte Mobilisierung der Mittelklassen gegen die Arbeiterklasse - Gramscis scharfsinniger als die ultralinke Position Bordigas war, näherte er sich erst 1924 an die von Trotzki und der dritten Internationale vorgeschlagene Einheitsfrontpolitik der Arbeiter gegen den Faschismus in Italien20 an. Jahre später lehnte er -wie Trotzki- die Orientierung der stalinistischen KPI der "dritten Periode" ab, die jegliche Zusammenarbeit oder Einheitsfront mit der SP und den reformistischen Arbeiterorganisationen ablehnte, weil diese "sozialfaschistisch" seien.
Der Grund für die Betonung des Begriffes 'passive Revolution' in seiner Theorie, ist sein Versuch, die Geschehnisse der Zeit auf eine anderen Art und Weise zu erklären und eine Antwort zu liefern, die den Bedürfnissen der Massenbewegung gerecht würde. Denn das bis dahin unbekannte Phänomen des italienischen Faschismus beschränkte sich nicht nur auf die Repression; sondern bemühte sich auch einen neuen Konsens innerhalb der italienischen Massen zu erreichen. Nach der Wirtschaftskrise von 1929 entwickelt eine Strömung des Faschismus sogar die Hypothese einer 'Rationalisierung-Umorganisierung' des Produktivapparates, d.h., einer italienischen Version vom 'Amerikanismus' mittels des 'Korporativismus', der sich auf eine Art von 'Vereinigung zwischen der Regierung der Massen und der Regierung der Produktion' gründet. Gramsci betrachtet dieses Phänomen als den Versuch, die "organische Krise" des Staates zu überwinden.
Somit sehen wir, dass die passive Revolution in der imperialistischen Epoche ihre Bestätigung findet, indem sie eine 'reformistische Umwandlung der wirtschaftlichen Struktur erfährt, von einer individualistischen zu einer geplanten (dirigierten) Wirtschaft" und das Entstehen einer 'Halbwirtschaft', die zwischen der rein individualistischen und der allumfassenden Planwirtschaft", unter letztere fällt such die sozialistische Planwirtschaft. Die Bourgeoisie erreichte diese 'Halbwirtschaft' mittels der staatlichen Mechanismen vom "Korporativismus", was dem Kapitalismus einen Schritt Richtung modernere politische und kulturelle Formen ermöglichte und somit half die katastrophale Phase zu überspringen bzw. zu überwinden.
Für ihn gibt es zwei mögliche Wege für eine kapitalistische Erholung: 'den Amerikanismus', mit Roosevelts "new deal", auf der einen, und den Faschismus auf der anderen Seite. Indem er eine sonderbare Abstraktion der faschistischen Bürgerkriegsmethoden gegen die Arbeiterklasse, gegen ihre Organisationen und ihre Avantgarde vornimmt, findet er jedoch einen gemeinsamen Nenner bezüglich der strukturellen Ziele, die sie verfolgen. Diese sind nicht nur "die antagonistischen Kräfte zu zerstreuen", das Proletariat und vom Bauernturm zu trennen, sondern auch die Wiederbelebung eines verjüngten Kapitalismus -auf einer neuen Grundlage- zu erreichen. Sowohl der Amerikanismus als auch der Faschismus stellen für Gramsci den Versuch dar, den Kapitalismus "von oben" "modernisieren" zu wollen, und beide können mit dem Begriff passive Revolution assimiliert werden, der zunächst als eine wirtschaftlich-soziale Kategorie entsteht, der aber auch wichtige staatlichen Veränderungen beinhaltet und braucht.
Neben den Veränderungen in den sozioökonomische Bedingungen und in den Gewohnheiten, die der Amerikanismus mit sich brachte, entstand allmählich einer neuen Art von Staat, die diese durchsetzen sollte: "Der Staat ist liberal, nicht im Sinne des Liberalismus der Zölle oder der tatsächlichen politischen Freiheit, sondern in einem tieferen Sinn, d.h., der freien Initiative und des wirtschaftlichen Liberalismus, der aus seiner eigenen Dynamik, als Zivilgesellschaft, durch seine höchst eigene historische Entwicklung zum Regime der industriellen Konzentration und zum Monopol kommt". Der neue Staatstypus greift in die Wirtschaft ein "belehnt mit einer Schlüsselfunktion innerhalb des kapitalistischen Systems als Unternehmen (staatliche Holdinggesellschaft), der die Ersparnisse in seinen Händen konzentriert, und der Industrie und dem Privatsektor zur Verfügung stellt, auch als mittelfristiger und langfristiger Investor".
Gleichzeitig etabliert dieser Staat eine neue Art von Beziehung mit den subalternen Klassen: "Die Masse der Sparer will alle direkten Beziehungen mit dem privaten kapitalistischen System als Solchem brechen, aber sie misstrauen dem Staat nicht: Sie will an der wirtschaftlichen Aktivität teilnehmen, allerdings durch den Staat, der ihnen zwar niedrige aber dafür sichere Zinsen garantiert". Daher "scheint es theoretisch so zu sein, dass der Staat seine soziale Basis im "gemeinen Volk" und in den Intellektuellen hat, in Wahrheit aber bleibt seine Struktur weiterhin plutokratisch".
In diesem Sinn behauptet J.C. Portantiero, dass für Gramsci der Amerikanismus den ernsthaftesten Versuch darstellte, eine Gegentendenz zum Fall der Profitrate im imperialistischen Kapitalismus mittels neue Produktionsmethoden zu schaffen, die auf der Gewinnung von relativem Mehrwert basiert: "Es ist ein Ausdruck der Krise und ihrer 'Überwindung' mittels das Wachstum eines Systems, das sich immer 'in der Krise' entwickelt hat, innehrhalb von 'Elementen, die im Gleichgewicht standen und sich immunisierten'. Gewiß ändert 'der Amerikanismus' nichts an 'den Charakter der grundlegenden sozialen Gruppen', aber es stellt die höchste kapitalistische Antwort auf die unüberwindaberen Widersprüche, die aus der Struktur entstehen. 'Die herrschenden Klassen versuchen diese innerhalb gewisser Grenzen zu lösen und in gewissen Rahmen zu überwinden'..."21
Das ist zwar richtig, aber keineswegs alles. Bei Gramsci hängt der Amerikanismus als soziale Kategorie eng mit der politischen Kategorie der Passiven Revolution, im Sinne einer Revolution - Restauration, quasi als einer reformistische Anpassung des Kapitalismus, zusammen. Diesen Aspekt der Theorie Gramscis lassen die Reformisten bzw. diejenigen, die Gramsci im akademisch - bürgerlichen Sinn verstehen wollen gerne beiseite. Der politische Inhalt seiner Position hat nichts mit denen gemein, die heute seine Analysen aufgreifen um dem „Sozialstaat" nachzuweinen, der von der neoliberalen Reaktion der 90er stark reduziert wurde. Sie fordern ein Programm der passiven Revolution, wie damals die „Moderados" um zu den früheren Bedingungen zurückzukehren. Im Gegensatz zu seinen heutigen Anhängern, warnte Gramsci vor den Wiederanpassungen des Staates und der staatlichen Wirtschaftspolitik, da er in ihnen über kurz oder lang, den Versuch einer reaktionären Antwort sah, deren Ziel es war die Grundlagen für einen „neuen Konformismus" zu schaffen. Dieser würde eine Vormachtstellung des Proletariats verhindern, die Kommunistische Revolution aufhalten und eine Situation der organischen Krise der Bourgeoisie lösen, eine Frage die eine marxistische Direktion verstehen und der sie entgegentreten musste.
Amerikanismus und Krieg
Kommen wir nun zu Trotzki.
Vor dem selben Problem des Auftritts Amerikas auf internationaler Ebene, schrieb er 1926: „In dem Artikel des Genossen Feldman haben die Überlegungen über den Kurs der Entwicklung der USA eine algorithmische Form angenommen. Er kam zu dem Schluss, dass die Entwicklung der USA höchstens in eine Sackgasse führe und dass der jetzige Aufschwung in keinem Verhältnis zu dem früherer Jahrzehnten stünde. Wenn das wahr ist, gibt es keine Rechtfertigung für die Annahme friedlicher Entwicklungsperspektiven für die Welt. Solange der Aufstieg der USA in den Zenith ohne Erschütterungen verläuft wird dies Europa immer mehr in eine wirtschaftliche Sackgasse führen. Europa wird entweder dem römischen Imperium gleich untergehen oder eine revolutionäre Wiedergeburt erfahren. Aber zur Zeit kann man noch nicht über eine europäische Dekadenz sprechen. Wenn die Entwicklung der USA zum Stillstand, werden ihre mächtigen Kräfte einen Ausweg im Krieg suchen. Dies wird ihre einzige Chance sein die Deformationen zu überwinden, die sich aus den Umständen ihrer wirtschaftlichen Entwicklung ergeben. Diese Deformation bewegt sich wie das Auge [eines Orkans]. Ein solches Auge voller unbändiger und aufgestauter Kraft könnte eine unheimliche Zerstörung innerhalb des Landes verursachen."
„Betrachten wir nun die Lage des Proletariats. In England bleibt nichts von der aristokratischen Stellung des englischen Proletariats übrig. Unser brüderlicher Umgang mit den englischen Gewerkschaften [er bezieht sich auf das Anglo-Russische Komitee, A.d.R.] basiert auf dem wirtschaftlichen Niedergang Englands. Nun ist die Arbeiterklasse der USA in dieser privilegierten Stellung. Eine Verspätung der wirtschaftlichen Entwicklung brächte gewaltige Änderungen in der Beziehung der inneren Kräfte zueinander mit sich. Dies brächte auch eine revolutionäre Bewegung mit sich, die sich mit der für die USA charakteristischen Geschwindigkeit entwickeln würde. Diese beiden möglichen, für die USA entworfenen Szenarien lassen uns schwere Erschütterungen für die nächsten Jahrzehnte vorausahnen, und keinesfalls eine friedliche Perspektive. Kürzlich las ich in einem Artikel im Economist: „Wir haben einen solchen Entwicklungsstand erreicht, dass wir einen großen Krieg brauchen." So wie man fette Kälber für die Ernährung einer Großstadt braucht, verkündet der Economist, dass die USA, wie die Erfahrung des letzten Krieges gezeigt haben, wieder einen großen Krieg brauchen. Die US Imperialisten haben eine Vorliebe, jedoch nicht für die friedliche Entwicklung."22
Es ist bemerkenswert, dass diese Definitionen aus einer Zeit vor der katastrophalen Krise im Herzen der USA 1929 stammen, welche einen Scheideweg für die Lage der Welt darstellte. Trotzki warnte sogar im Voraus vor den ausgeprägten Strömungen und interimperialistischen Widersprüchen, die einerseits neue revolutionäre Möglichkeiten eröffneten und andererseits die Vorzeichen auf Krieg stellten. Jahre später, nach dem Zusammenbruch, stellt er, -das von der kommunistischen Internationale angenommene Programm kritisierend- auf dem Höhepunkt der Krise Amerikas eine beispielhafte dialektische Überlegung an, wie die folgende Äußerung aus dem September 1930 zeigt: „Molotov wollte sagen: Trotzki verherrlichte die Macht der USA und nun schaut hin, die USA erleben eine tiefe Krise. Schließt aber die Macht des Kapitalismus Krisen aus ?Kannte England etwa im Zenith seiner wirtschaftlichen Stärke keine Krisen? Ist eine kapitalistische Entwicklung ohne Krisen vorstellbar? Dazu haben wir folgendes haben wir im Programmprojekt der Kommunistischen Internationale gesagt: Hier werden wir uns nicht speziell über Dauer und Tragweite der Krise in den USA auslassen. Es handelt sich nicht um ein programmatisches, sondern um ein konjunkturelles Problem. Es ist überflüssig zu sagen, dass wir eine Krise für unumgänglich halten. Ebenso wenig schließen wir angesichts der weltwirtschaftlichen Größe des US Kapitalismus aus, dass die nächste Krise besonders tief und schwer sein kann. Es gibt nichts, dass die Schlussfolgerung rechtfertigen würde, dass dies die US Hegemonie eingrenzen oder schwächen würde. Eine solche Schlussfolgerung würde zu den gravierendsten strategischen Irrtümern verleiten. Ganz im Gegenteil, in einer Periode der Krise werden die USA ihre Hegemonie auf vollkommenere, unverschämtere und brutalere Art und Weise ausüben, als in einer Aufschwungsphase. Die USA werden versuchen ihre Probleme und Schwierigkeiten auf Kosten Europas zu lösen. 23
Ab diesem Zeitpunkt lässt sich ein klarer Unterschied zwischen den Analysen Trotzkis aus den 20er und denen der 30er Jahre erkennen. Dies beruht darauf, dass das, von der dritten Internationale so charakterisierte „instabile Gleichgewicht" des Kapitalismus, mit der Krise von 29 zerbrochen war und eine neue Phase begann. Es beginnt eine neue „katastrophale Periode" und mit ihr eröffnen sich neue revolutionäre Möglichkeiten. Dies beweist auch die Spanische Revolution die 1931 begann und sich über das ganze Jahrzehnt hinzog und mit ihr, die mit Fabrikbesetzungen beginnende, Revolution in Frankreich ab 1936. Beide Prozesse, die versuchten „den Krieg zwischen imperialistischen Staaten durch Revolutionen von unten aufzuhalten", scheiterten. Diese Scheitern war jedoch, wie Trotzki erkannte, nicht auf eine schicksalhafte Vorbestimmung zurückzuführen, sondern auf die, dem Kapitalismus helfende, Rolle, die die KPs spielten, in Kombination mit der, nach dem Rechtsruck der stalinisierten 3. Internationale, auf dem VII Kongress (1935) beschlossenen „Volksfront" Politik. Trotzki erkannte jedoch selbst in der Periode der Krise die Möglichkeiten und die Macht des amerikanischen Imperialismus. Allerdings verwies er darauf, dass sich diese Überlegenheit dem „Alten Kontinent" nicht friedlich würde aufzwingen lassen. 1933 sagt er ausdrücklich, dass trotz der zunehmenden Stärke der USA gemäß dem Gesetz der Produktivität der Arbeit und ihrer technischen Überlegenheit, die sich im Fordismus ausdrückte: „Der alte Planet weigert sich sich drehen zu lassen. Jeder schützt sich gegen jeden, indem er sich hinter einer Mauer aus Waren und einem Zaun aus Bajonetten verschanzt. Europa kauft keine Waren, bezahlt keine Schulden und bewaffnet sich auch noch. Das hungernde Japan bemächtigt sich mit fünf elenden Divisionen eines ganzen Landes. Die fortgeschrittenste Technik der Welt, scheint plötzlich ohnmächtig vor den Hindernissen zu stehen, die sich auf ein niedrigeres technisches Niveau stützen. Das Gesetz der Produktivität der Arbeit scheint seine Gültigkeit zu verlieren, aber der Schein trügt. Das Grundgesetz der menschlichen Geschichte wird sich unweigerlich an den abgeleiteten und zweitrangigen Phänomenen rächen. Früher oder später wird sich der US Kapitalismus über den ganzen Planeten ausbreiten. Mit welchen Methoden? Mit allen. Ein hoher Produktivitätskoeffizient bedeutet einen hohen Koeffizient an Destruktivkräften. Predige ich den Krieg? Auf keinen Fall, ich predige gar nichts. Ich versuche nur, die Weltlage zu analysieren und die Schlussfolgerungen aus der Mechanik der Ökonomie zu ziehen." 24
Trotzki erfasst den Sinn der Periode der Krisen, Kriege und Revolutionen besser als Gramsci: der Amerikanismus musste, um sich weltweit durchzusetzen, dies auf Kosten Europas tun. Dies würde zu einem neuen Weltkrieg führen. Trotz aller Beiträge, die Gramsci zur marxistischen Wissenschaft zum Thema moderne Staaten beigetragen hat, interpretiert Trotzki eine der Charakteristika dieser „fortgeschrittenen" Staaten der imperialistischen Epoche viel folgerichtiger: wie Lenin bereits aufzeigte, sind diese nicht nur ein Organ der Gewalt und der inneren Repression (dem Gramsci die Aspekte des Konsens hinzufügte) sondern auch ein Instrument für den Krieg nach außen, als „Räuberstaat".25 Dies ist seine strukturelle Analyse, in der Tradition der 3. Internationale, auch wenn diese Theorie aufgrund der angesprochenen Epoche, zwei politische Momente durchläuft; den des instabilen Gleichgewichts der 20er und dessen Zusammenbruch in den 30er Jahren.
Gramsci glaubte indessen, dass die Möglichkeit eines Zyklus der passiven Revolutionen voraussetze dass, „der organische Kampf aufhöre, bzw. die katastrophale Phase" innerhalb der Grenzen des imperialistischen Zeitalters „überwunden werden könne".26 Es stimmt, dass Gramsci feststellte, dass „passive Revolutionen" immer „Revolutionen - Restaurationen" waren, „bei denen nur der zweite Teil zählte", und dass „die sogenannten Restaurationen, besonders die aktuellen [unterstrichen von Gramsci] universell repressiv sind". Jedoch ist das bestimmende Element in der Definition der passiven Revolution, dass diese versuche: „die Dialektik auf einen bloßen reformistischen Evolutionsprozess zu reduzieren."
Trotzki geht die Epoche dagegen von der Logik aus an, dass der Kapitalismus immer zu neuen Katastrophen führt. „Das Leben des Monopolkapitalismus ist eine Kette von Krisen. Jede Krise ist eine Katastrophe. Der Wunsch, diesen Katastrophen teilweise mit den Mitteln befestigter Grenzen, Inflation, Anwachsen der Staatsausgaben, Zoll, etc. zu entgehen, bereitet das Gebiet für neue, tiefere und ausgedehntere Krisen vor. Der Kampf um die Märkte, die Rohstoffe, um die Kolonien, macht die militärische Katastrophe unvermeidlich. Dies alles bereitet unausweichlich revolutionäre Katastrophen vor. Es ist wahrhaft nicht leicht, mit Sombart gelten zu lassen, daß der Kapitalismus mit der Zeit mehr und mehr „still, ruhig, vernünftig" wird. Es wird richtiger sein zu sagen, dass er auf dem Weg ist, seine letzten Spuren von Vernunft zu verlieren. Auf alle Fälle gibt es keinen Zweifel. daß die Zusammenbruchstheorie über die Theorie der friedlichen Entwicklung triumphiert hat."27
Klar also, dass für ihn die „katastrophale Phase" nicht auf die wirtschaftliche Krise beschränkt ist. Seine „Theorie des Zusammenbruchs" wird nicht nur als wirtschaftlicher Katastrophismus verstanden, sondern als eine Kombination aus wirtschaftlichen, militärischen und revolutionären Katastrophen, d.h. eine Verbindung von Krisen, Staatspolitik (Hegemonie) und Klassenkampf. Die selben drei Elemente, die man, nach seiner Methode, vorher zu Rate ziehen musste, um das „instabile Gleichgewicht" zu definieren, sind diejenigen, welche jetzt dieses Gleichgewicht zerstört haben. Noch einmal: er benutz ein und das selbe methodologische Interpretationskriterium für die 20er und die 30er Jahre, obwohl die Vorzeichen der Situation sich verändert haben.
Und Gramsci? Um es mit den Worten einen intellektuellen Gramsci - Anhängers zu sagen: „Alles in allem zeichnen sich deutlich zwei Elemente ab: a) am Ende des Jahrhunderts, das Eric Hobsbawm The Age of Extremes nannte, müssen wir besonders die Wichtigkeit der Tatsache herausstellen, das Gramsci der Radikalisierung- Simplifizierung der intellektuellen Dichotmie Kommunismus-Faschismus oder Faschismus-Antifaschismus der 30er Jahre entgeht (und über sie hinaus geht), und b) und ein Bild der Zukunft des Kapitalismus (...) vorhersieht, wie er sich nach dem zweiten Weltkrieg unter der neuen Hegemonie der USA entwickelt. Er sieht weder die tragische Größe des Nationalsozialismus, noch den zweiten Weltkrieg, noch Auschwitz oder die Auswüchse des Stalinismus vorher: paradoxerweise sieht er aus dem Gefängnis in Turi „strukturelle" Züge unseres Jahrhunderts ohne sich wie so viele berühmte Beobachter blenden zu lassen."28
In diesem äußerst bewegten Interregnum der weltweiten Hegemonie - Krise, erreichte Gramsci nicht die Höhe oder Klarheit von Trotzkis strategischen Prognosen, der klar erkannte, dass die Lösung der Hegemonie - Krise durch einen neuen Weltkrieg kommen würde und Ergebnis des Klassenkampfes sein würde, der durch diesen Krieg quasi als „Hebamme der Revolutionen" ausbrechen würde. Und er formulierte von dieser strategischen Einschätzung ausgehend das Programm und gründete den Kern seiner internationalen Organisation. Er gründete seine Einschätzung nicht nur auf eine generelle Theorie, sondern auch auf die Lektionen aus den Feuerproben dieser Theorie im Klassenkampf im Kontrast zu der internationalen Politik der, von Stalin geführten, KI. Diese Lektionen gehen von den Erfahrungen des englisch-russischen Komitees, über die Alternativen in der Chinesischen Revolution, die Niederlage, welche die kampflose Kapitulation der deutschen KP vor der Machtergreifung Hitlers bedeutete, dem marxistischen Programm und der Taktik für die spanische Revolution, die Anklage von deren Verrätern, die Einschränkung auf die Kapitulierer und die Verdammung zur Volksfront - Politik, bis zur Charakterisierung des Phänomens des Stalinismus und der Degeneration der UDSSR. Diese führten er zur Gründung der Internationalen Linksopposition und dann zur Gründung der IV Internationale, die so hoffte Trotzki, eine Führungsrolle in den kommenden Ereignissen übernehmen sollte.
Um die Nachkriegsphase des Zweiten Weltkriegs zu verstehen
Wir glauben, dass losgelöst von jedem Gradualismus zur Unzeit was die Möglichkeiten der Erneuerung des Kapitalismus angeht, den es in den Schriften Gramscis gibt, das Konzept der „passiven Revolution" äußerst nützlich ist, um die Nachkriegszeit zu erklären. Wir sprechen von „Gradualismus zur Unzeit", da nur durch den Krieg und die unvorstellbare Vernichtung von Produktionskräften in Europa, die dieser mit sich brachte, und dadurch, dass die beiden Hauptkonkurrenten der USA -Deutschland und Japan- geschlagen waren und aus dem Spiel waren in Verbindung mit dem widersprüchlichen Ergebnis des Klassenkampfes nach dem unmittelbaren Aufruhr der Massen nach dem Krieg, die USA zu einer uneingeschränkten Vormachtstellung kamen. Dies führte zu einer Ausbreitung des Fordismus in Europa. Letztendlich sah Gramsci nicht, dass nach seinen eigenen Definitionen, die USA zuerst zu einer „gewaltsamen" Lösung kommen musste um hinterher einen neuen „Konsens" zu erzielen. Wir sehen jedoch, dass der US Imperialismus sich eines zusätzlichen Hilfsmittels bediente um die Vormachtstellung zu erreichen: die Rolle des Stalinismus, ohne den weder der Aufstand der Massen in Europa hätte gebremst werden können noch eine Stabilisierung der wichtigsten kapitalistischen Länder hätte erreicht werden können.29
Erst nach dem diese weltweit katastrophale Phase durch die Abkommen von Yalta und Potsdam, zwischen dem siegreichen Kapitalismus und der sowjetischen Bürokratie, einmal überwunden ist, erlaubt das Konzept der passiven Revolution das neue Weltszenarium besser zu erfassen.
Wir glauben, dass mindestens zwei Komponenten dieser passiven Revolution sich bestätigen. Einerseits, in den kapitalistischen Ländern, der „Keynesianimus", d.h. der new deal als Staatsräson, dessen essentielle Züge, was die Beziehung zwischen Staat - Wirtschaft und den Massen angeht, Gramsci, wie wir gesehen haben, schon vor dem Krieg vorhergesehen hatte. Anderseits, die kontroversen Revolutionen in Osteuropa zwischen 43 und 48, die auf der Grundlage einer Besatzung durch die Rote Armee in den Gebieten aus denen die Nazis vertrieben wurden durchgeführt wurden. Diese fanden in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und sogar in Ostdeutschland statt und könnten auch als passive proletarische Revolutionen30 bezeichnet werden.
Wenn wie Gramsci das Risorgimento analysierte, es in „Italien keine Barrikaden gab wie im Paris von 1848" weil sie durch ein System der Ziehung zum piemontesischen regulären Heer ersetzt worden waren; so spielte der Stalinismus eine analoge Rolle in der Ära der proletarischen Revolutionen. Was tat er als die Möglichkeit der Entstehung von Sowjets wie 1917-19 zu unterdrücken und diese durch den Vormarsch der Roten Armee im Osten zu ersetzen? War es nicht die Rolle Stalins, in den Abkommen von Yalta und Potsdam, indem er die Kontrolle der UDSSR über Osteuropa erkaufte, die Revolution zu diplomatisieren, wie Gramsci den Prozess der Vereinigung Italiens beschreibt? Gab der Stalinismus durch seine Nutzung großer Teile des bürgerlichen Beamtentums von vor dem Krieg in den deformierten Arbeiterstaaten der „Revolution" nicht einen Anstrich von „Restauration"? War nicht die Umstellung der Produktionsbeziehungen vom Kapitalismus auf Planwirtschaft eine progressive Aufgabe, die auf reaktionäre Weise die Entstehung von Sowjets als Organisationen der Selbstverwaltung der Massen verhinderte? War die neue Orientierung der KPs und der von ihnen oder der Sozialdemokratie gelenkten Gewerkschaften die alles an den kapitalistischen Wiederaufbau Europas setzen etwa kein „Transformismus"? Waren die Charakteristiken des „Wohlfahrtsstaats", die in den zentralen Ländern und sogar in einigen halbkolonialen Ländern eingeführt wurden, etwas anderes als der neue Typ kapitalistischer Staat, den Gramsci vorhergesehen hatte?
Wir glauben dass ja. In ihren groben Zügen sind die neuen und widersprüchlichen Phänomene der Nachkriegszeit Teil einer großen passiven Revolution, die eine Antwort „mit reformistischen Konzessionen um die subalternen Klassen zu neutralisieren" auf den Aufstieg der Arbeiter und der Massen in der Ausnahmezeit zwischen 43 und 49 geben will.
Ein dritter Versuch der passiven Revolution - wenn auch in seinen Auswirkungen eher gescheitert als erfolgreich- war der Versuch der Dekolonisierung von oben. Dabei versuchten die Imperialisten einigen Nachkriegs - Kolonien eine Art „moderneren" semikolonialen Status zu verleihen, um die antikoloniale Revolution aufzuhalten. Allerdings findet sich entgegen ihren Plänen genau dort, in der kapitalistischen Peripherie, der stärkste Ausdruck der aktiven Revolution: eine regelrechte Explosion der unterdrückten Massen der Kolonien und Semikolonien. Und dies muss im Programm der Vieren Internationale vorhergesehen sein und beweist die Richtigkeit der Theorie der Permanenten Revolution, die diesen Ländern besondere Aufmerksamkeit widmete: das Proletariat und die Massen der kolonialen und semikolonialen Länder sollte nicht die Revolution in den imperialistischen Metropolis abwarten, sondern mit ihrer Revolution beginnen und könnten sogar schon vorher zur Diktatur des Proletariats kommen. Selbst mit de Zugeständnissen, die der Arbeiterklasse in den zentralen Ländern gemacht wurden, beweist der Auftrieb der antikolonialen Revolution der Nachkriegszeit (und die Unmöglichkeit sie durch eine effektive passive Revolution zu bremsen) den Charakter der imperialistischen Epoche, auf dem Trotzki bestanden hatte: „Der Imperialismus war in der Lage den kolonialen Völkern und den eigenen Arbeitern Zugeständnisse zu machen, als der Kapitalismus im Aufstieg war und sich die Ausbeuter auf ein ständiges Wachstum der Gewinne verlassen konnten. Heutzutage kann davon nicht mehr die Rede sein. Der Weltimperialismus befindet sich in Dekadenz und die Lage der imperialistischen Nationen wird von Tag zu Tag schwieriger während sich die Widersprüche zwischen ihnen ständig verschlimmern. Die unvorstellbare Aufrüstung verzehrt einen ständig wachsenden Anteil der nationalen Einnahmen. Die Imperialisten können keine ernsthaften Zugeständnisse mehr machen, weder ihren eigenen arbeitenden Massen, noch den Kolonien. Im Gegenteil, sie sehen sich gezwungen, auf eine immer bestialischere Ausbeutung zurückzugreifen. Genau darin drückt sich die Agonie des Kapitalismus aus."31
Auch wenn es, wie wir oben gesagt haben, Konzessionen an die Arbeiterklasse der zentralen Länder als Subprodukt ihrer revolutionären Aktivitäten gab, nach dem Motto „etwas nachgeben, um nicht alles zu verlieren" bewahrheitete sich die Vorhersage der IV Internationalen vollkommen, für die Länder, welche vom Imperialismus beherrscht wurden.
Die enormen Impulse der semikolonialen Massen, bestätigten die strategische Perspektive Trotzkis und erstreckten sich weit über die Ausnahmezeit zwischen 43 und 49 hinaus, durch die gesamte Periode der Ordnung von Yalta hindurch, in der sie der revolutionärste Faktor des internationalen Klassenkampfes waren. Wie wir später noch analysieren werden, verhinderte die Stärkung des weltweiten stalinistischen Apparats, dass dies nennenswerten Einfluss auf die imperialistischen Zentren hatte und die Revolution zu ihnen hinüberschwappen konnte. Der Stalinismus schöpfte sogar alle seine Möglichkeiten aus, um die „nationalen Befreiungsprozesse" der Kolonien auf dem Terrain der bürgerlichen Regimes zu verhindern.
Dies war so, aufgrund der Schlüsselrolle, die weder die Prognosen Trotzkis und noch weniger die Gramscis vorhergesehen hatten, einer neuartigen politischen Superstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg, welche seinen Ausgang bestimmte: die neue Rolle des Stalinismus als weltweiter Kontentionsfaktor gegen die Revolution.
Trotzki setzte darauf, dass der internationale revolutionäre Prozess den der Krieg auslösen würde, -das was sich zwischen den Jahren 43 und 49 in großem Stil ereignete-, seinerseits zum Sturz der Sowjetbürokratie führen und so eine revolutionäre Regeneration in der UDSSR ermöglichen würde. Dies ist allerdings nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil, mit dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs verfestigte sich nicht nur die bürokratische Kaste in der UDSSR, sondern in einem gesamten System von deformierten Arbeiterstaaten in Osteuropa. Der Arbeiterklasse und den Massen gelang es, wie 1914-18, nicht nur, die Niederlage, die das imperialistische Gemetzel erst mal bedeutete, zu überwinden sondern sie vollbrachten auch einen gigantischen Aufschwung mit dem bewaffneten Widerstand gegen den Faschismus. Dieser war besonders bedeutsam, da er in zentralen kapitalistischen Ländern wie Italien, Griechenland und Frankreich stattfand. Widersprüchlicherweise gab der Stalinismus, der durch die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad an Prestige gewonnen hatte, nicht nur vor diesem Ansturm der Massen nicht klein bei, sondern es gelang ihm sogar, die besagten Prozesse zu bremsen, die Arbeiterklasse zu bändigen und ihre Organisationen in den Dienst der kapitalistischen (amerikanistischen) Rekonstruktion Europas zu stellen.
Abgesehen davon, dass Trotzki mit seiner politischen Prognose falsch lag, war er es, der sowohl durch das Studium der materiellen Grundlagen, der Natur des Phänomens Stalinismus und der Degeneration der russischen Revolution32, als auch durch die politischen Schlachten vor dem Zweiten Weltkrieg, die Voraussetzungen zu dessen Bekämpfung schaffte. Davon war Gramsci weit entfernt. Trotzki war der einzige Marxist, der ein Programm für eine neue Art von Revolution, eine „politische Revolution", für einen degenerierten Arbeiterstaat formulierte. Darin findet sich ein ganzes System von speziellen Übergangsforderungen, die darauf abzielen, auf der Basis der Beibehaltung der Errungenschaften der nationalisierten Wirtschaft, die parasitäre Kaste abzuschaffen, die effektive Macht der Sowjets wiederherzustellen und den Weg des Übergangs zum Sozialismus wieder in Gang zu bringen, indem die revolutionäre Politik des Arbeiterstaates sowohl im Inneren als auch auf internationaler Ebene wieder auf ihre Füße gestellt werden sollte. Und zweitens warnte Trotzki, obwohl er das Ausmaß, dass die Klassenkollaboration auf Weltebene zwischen der sowjetischen Bürokratie und dem Imperialismus aufgrund der Abkommen von Yalta annehmen würde, nicht vorhersehen konnte, bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, im Rahmen seines politischen Feldzugs gegen die „Volksfront" Orientierung, die die Kommunistische Internationale 35 eingeweiht und dann in Spanien und Frankreich mit all ihren verhängnisvollen Konsequenzen in die Praxis umgesetzt hat, davor, dass, wie im Übergangsprogramm festgehalten, dem Kampf des Proletariats um Klassenunabhängigkeit, seitdem Kommunistischen Manifest als marxistische Maxime betrachtet, durch die Existenz des Stalinismus ein „weiteres Hindernis" in den Weg gestellt worden sein. Gramsci dagegen, der so ausführlichen Gebrauch vom Konzept des „Transformismus" in seiner Analyse der bürgerlichen Revolution machte, entging jedoch der krasseste transformistische Prozess der proletarischen Revolution: Das Aufkommen der Sowjetbürokratie.
Die Blockierung der permanenten Revolution
„Die wirtschaftlichen Voraussetzungen der proletarischen Revolution ist schon seit langem am höchsten Punkt angelangt, der unter dem Kapitalismus erreicht werden kann. Die Produktivkräfte der Menschheit stagnieren... Die objektiven Voraussetzungen der proletarischen Revolution sind nicht nur schon „reif", sie haben sogar bereits begonnen zu verfaulen. Ohne sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht die ganze menschliche Kultur in einer Katastrophe unterzugehen. Alles hängt ab vom Proletariat, d.h. in erster Linie von seiner revolutionären Vorhut. Die historische Krise der Menschheit ist zurückzuführen auf die Krise der revolutionären Führung."33
Diese historisch gesehen korrekte Aussage, mit der das von der Vierten Internationale 1938 verabschiedete Übergangsprogramm anfängt, ist nach 1948 nicht frei von teilweisen Widersprüchen, welche leicht zu erkennen sind. Wir gehen davon aus, dass es durch eine Reihe von neuen objektiven und subjektiven Bedingungen zu einer Blockierung der permanenten Dynamik der Revolution kommt. Es handelte sich damals darum, das Konzept der „Krise der revolutionären Führung" zu bereichern, womit eine bestimmte Art von „Trotzkismus" Reduktionismus betrieben hat. Die Krise der revolutionären Führung und vor allem die Politik durch die sie überwunden werden sollte, war in der Nachkriegszeit nicht die Selbe wie in den 30er Jahren (in denen sich Revolution und Konterrevolution offen bekämpften). Der Ausgang des Krieges und der Aufschwung der ihm folgte, institutionalisierte neue Errungenschaften für das Proletariat, angefangen von den reformistischen Zugeständnissen in den fortschrittlichen kapitalistischen Ländern bis hin zur Gründung neuer Staaten, in denen das Kapital enteignet wurde. Der Preis dafür war die Festigung der konterrevolutionären Führungen. Dies bedeutete für die Anhänger der Vierten Internationale, dass sie dieses Problem in der „Welt von Yalta" neu untersuchen, einen neuen strategischen Rahmen festlegen und einige programmatische Anpassungen vornehmen mussten.
a) Man musste das Ausmaß des partiellen Wachstums der Produktivkräfte feststellen. Auf diesem Gebiet teilte sich der Trotzkismus in zwei große Strömungen, die beide falsch lagen. Auf der einen Seite die, die wie das Internationale Komitee unter der Führung von Pierre Lambert die These der Stagnation vertraten. Zu diesen zählen auch die Strömungen von Nahuel Moreno in Argentinien und Von Guillermo Lora34 in Bolivien. „Die Produktivkräfte der Menschheit stagnieren" wiederholten sie buchstabengetreu das Übergangsprogramm, ohne zu sehen, dass die gewaltige Zerstörung von Produktivkräften infolge des Zweiten Weltkriegs und der kapitalistische Wiederaufbau Europas die konzentrierte und abrupte Anwendung der neuesten amerikanischen Technik ermöglichten und gleichzeitig eine schnelle Nachfrage für Konsumgüter generierten. Dies stellte zwar nur einen beschränkten, teilweisen, vorrübergehenden Widerspruch dar, aber es änderte das, was vor dem Zweiten Weltkrieg eine feste Gegebenheit war. Das Fortdauern der imperialistischen Epoche , d.h. der Phase des Niedergangs des Kapitalismus, war nicht gleichbedeutend mit der Stagnation der Produktivkräfte, die während der Zeit von 48 bis 68 eine teilweise Entwicklung erfuhren. Auf dem den „Stagnationisten" entgegengesetzten Standpunkt findet sich die Interpretation des Vereinigten Sekretariats (VS), die sich auf die Theorie Ernest Mandels stützte, welcher diese teilweise Entwicklung der Produktivkräfte während des „Booms" als Zeichen der Entstehung eines Neokapitalismus oder „Spätkapitalismus" interpretiert und eine etwas korrigierte Version der bürgerlichen Theorie der kapitalistischen Krisen vertritt, nach der diese angebliche in „Wellen" bzw. in einem automatischen Wachstums- und Schrumpfungszyklus messbar sind und in der der Klassenkampf eine vollkommen untergeordnete Rolle spielt.
b) Dieser partielle Wachstum der Produktivkräfte in den zentralen Ländern zusammen mit den zwischen dem Kapital und der Arbeit ausgehandelten keynesianistischen Modell des „Wohlfahrtsstaats" war die materielle Grundlage für die Bildung eines neuen Reformismus der sich in einer ausgedehnten und verbreiterten sozialen Schicht der Arbeiteraristokratie in den imperialistischen Ländern ausbreitete. Die europäische Sozialdemokratie, die sich in den 30er Jahren im Kreuzfeuer befand, zwischen dem Faschismus, der ihre gewohnten parlamentaristischen Spielchen unterband und Sektoren des Proletariats, welche durch revolutionäre Situationen in verschiedenen Ländern radikalisierte Elemente in ihre Reihen einschleusten35, findet sich in der Nachkriegszeit und angesichts einer neuen kapitalistischen Stabilität, an der Spitze der Massengewerkschaften wieder, die von den neuen Errungenschaften des „Wohlfahrtsstaats" profitieren. Der Stalinismus kann sich auf eine breitere Massenbasis stützen um seine Kontrolle über die Arbeiterbewegung auszudehnen, und zwar nicht nur in den kapitalistischen Ländern, sondern auch in den neuen deformierten Arbeiterstaaten Osteuropas. Diese erreichen auf Grund des kapitalistischen Booms eine gewisse wirtschaftliche Autarkie, auch bedeutete die Nationalisierung der Wirtschaft an sich schon einen Anschub für die industrielle Entwicklung in einigen dieser Länder, die vorher weitgehend landwirtschaftlich organisiert waren. Dies führt automatisch zu einem deutlich Anstieg des Lebensstandards der Massen. Alles in allem entstand also als Nebenprodukt des Kriegsausgangs eine neue Arbeiterbewegung mit neuen wirtschaftlichen Errungenschaften, die die Grundlagen für einen neuen Massenreformismus schafft, einen „neuen Konformismus" hätte Gramsci es genannt, der gleichzeitig eine Stärkung der stalinistischen und sozialdemokratischen Führungen bedeutete.
Mit der verleumderischen Proklamation des Stalinismus als „offizieller Marxismus", kam es zu einem historischen Bruch in der Kontinuität des revolutionären Marxismus, der sich immer und trotz aller unterschiedlichen Strömungen und internen Kämpfe durch die ersten drei Internationalen bis hin zur Vierten, von Marx' und Engels' Kommunistischen Manifest von 1848 bis hin zu Trotzkis „Manifest gegen den Krieg von 1940, als Element der Kontinuität fortsetzte. Auch wenn Trotzki bereits im Übergangsprogramm darauf hinwies, dass der Stalinismus sich in ein „zusätzliches Hindernis" für das Proletariat verwandelt hatte, sah er doch niemals zu welchen Auswüchsen sich diese Verwandlung nach dem Zweiten Weltkrieg verstieg. Die Trotzkisten mussten bestimmen welche Gefahren dies mit sich brachte. Man musste Trotzkis Warnung von vor dem Krieg selbst für die Kräfte der Vierten selbst im Kopf behalten: wenn das Proletariat keine revolutionäre Antwort auf den Krieg gäbe (und es gab keine bzw. nur in einer äußerst deformierten Art und Weise), liefen alle Arbeiterparteien, auch die noch so revolutionären, Gefahr zu degenerieren. „Nichtssagende Skeptiker erfreuen sich daran, die Degeneration des bolschewistischen Zentralismus zum Bürokratismus anzuführen. Als wenn der ganze Verlauf der Geschichte von der Struktur einer Partei abhinge. Es ist eine Tatsache, dass das Schicksal einer Partei vom Verlauf des Klassenkampfs abhängt. Auf jeden Fall war die bolschewistische Partei die einzige Partei, die durch Taten ihre Fähigkeit bewies, die proletarische Revolution durchzuführen. Genauso eine Partei braucht jetzt das internationale Proletariat. Wenn das bürgerliche Regime straffrei aus dem Krieg hervorgeht, wird die revolutionäre Partei eine Degeneration erfahren. Wenn die proletarische Revolution siegt, werden die Bedingungen, die eine Degeneration hervorrufen, verschwinden."36 Im Widerspruch zu dieser alternativen Prognose gab es Länder, unter ihnen China und die Hälfte Deutschlands, in denen das bürgerliche Regime nach dem Krieg unterging. Dafür kam es in den Hauptzentren der imperialistischen Macht „ungestraft" davon. Perverserweise fand sich der Stalinismus an der Spitze eines „transformistischen Prozesses" großen Ausmaßes wieder: die Kommunistischen Parteien verwandelten sich in Rekonstrukteure des Kapitalismus und des bürgerlichen Regimes im Westen, während sie zur gleichen Zeit passive Revolutionen durchführten, die ihnen erlaubten den neu erlangten internationalen Status Quo mit dem US Imperialismus zu sichern. Diese subjektiv widrigen Bedingungen führten dazu, dass die Kräfte der Vierten International zum großen Teil dazu verdammt waren, ihre Tätigkeit auf die von Propagandagruppen in weitgehender Isolation zu beschränken.
c) Es kommt zu einer Blockierung der permanenten Dynamik der Revolution. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Metropolis, den Halbkolonien und der alten vorkriegs- Sowjetunion, so wie sie in der Theorie der Permanenten Revolution und im Übergangsprogramm beschrieben waren, waren eine wertvolle Algebra des Marxismus, der man allerdings zur Orientierung der revolutionären Praxis einige neue konkrete Werte geben musste. Nach den Abkommen von Yalta waren die „schwachen Kettenglieder" im internationalen Staatengefüge zu größten Teilen die Kolonien und Halbkolonien in Asien und Afrika deren imperiale Zentren wie z.B. England und Frankreich gegenüber dem neuen Herrn der Welt, den USA, ständig an Boden verloren und dadurch an macht verloren. Der Kapitalismus stabilisiert sich in den zentralen kapitalistischen Ländern und die revolutionären Tendenzen verlagern sich immer mehr in die semikoloniale Peripherie.
Seinerseits nutzt der Moskauer Apparat sein Prestige und, vor allem, die materiellen Kräfte der neuen Staaten um die Massenaufstände in den Kolonien umzuleiten, einzufrieren, zu erpressen und immer zu verderben, indem er die Führungen der „nationalen Befreiungsprozesse" kooptiert. Jeder Triumph, den die kolonialen Massen bei der Eroberung ihrer politischen Unabhängigkeit als Nationalstaat errangen, wurde in seinem bürgerlich demokratischen Stadium eingefroren, anstatt ihn auszunutzen, um die Entstehung eines Arbeiterstaates voranzutreiben. Und als einige Revolutionen dieser Logik entkamen, wie es zum Beispiel in Kuba der Fall war, und eine neuen Staat entstand in dem das Kapital enteignet wurde, wurde dies früher oder später vom Stalinismus zur Paktierung mit dem Imperialismus genutzt, d.h. um die internationale Revolution zu bremsen anstatt sie voranzutreiben.37 Die revolutionären Kräfte mussten daher die Verbindungen zwischen den Metropolis und den Halbkolonien wiederherstellen und aktualisieren und die Charakterisierung der neuen deformierten Arbeiterstaaten, die in das Welt-Staatengefüge (Hegemonie) integriert wurden, in ihrer Evaluation berücksichtigen. Diese Definition war deswegen wichtig, damit einige trotzkistische Strömungen, die eine wichtige Rolle bei den Prozessen in den halbkolonialen Länder wie in Algerien, Ceylon, Vietnam, Bolivien oder Argentinien spielten, nicht in eine „dritte Welt" Ausrichtung verfielen, wie es einige Sektoren der trotzkistischen Bewegung taten. Andere versuchten sich den von den sozialdemokratischen oder stalinistischen Führungen vorgegebenen Bedingungen anzupassen. Manche versuchten auch beides gleichzeitig. Stattdessen sollten sie ein Gleichgewicht zwischen der politischen Arbeit in den halbkolonialen und den zentralen Ländern und durch diesen proletarischen Internationalismus Fraktionen in den Gewerkschaften und in den Massenparteien der imperialistischen Länder zu bilden.
d) In der neuen Definition der marxistischen Strategie musste man außerdem eine besondere Betonung auf das Programm der politischen Revolution in den deformierten Arbeiterstaaten und der UDSSR legen. Dies war entscheiden um eine Antwort auf andere Prozesse zu geben, die das Staatengefüge der Welt in Frage stellten, und wie sie sich bereits 53 in Ost-Deutschland, später 56 in Ungarn und 68 auf dem Höhepunkt des Endes des Booms in der Tschechoslowakei ereigneten. In diesen Arbeiterstaaten, die aus, durch die Besetzung durch die Rote Armee, von Oben eingeleiteten passiven Revolutionen hervorgegangen waren, kam es zu Rissen in der „Weltordnung". Hier kam zum ersten Mal die Unzufriedenheit mit der nationalen russischen Unterdrückung ans Licht, die sich 89-90 in labyrinthischer Form im großen Stil manifestierte. Dies fand seinen Ausdruck in „Nationalen Konflikten", unter den in der Sowjetunion und Jugoslawien vereinten Nationen, die von nationalen antiproletarischen Führungen geleitet wurden. In Bezug darauf verwarf die große Mehrheit des Trotzkismus die programmatischen Leitlinien die Trotzki hinterlassen hatte (wie z.B. die Forderung nach einer „unabhängigen sowjetischen Ukraine" die er in den 30er Jahren sowohl der groß-russischen Unterdrückung als auch dem imperialistischen Projekt Hitlers gegenüber stellte), nachdem sie jahrzehntelang, mehr oder weniger aktiv, davon ausgegangen war, dass der Stalinismus die „nationale Frage" in den Arbeiterstaaten gelöst habe.
Wenige der Fragen, die wir hier skizzieren, hat sich der „realexistierende" Trotzkismus jemals gestellt. Wir beschreiben diese Degeneration der Vierten Internationale nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ausdruck „Yalta-Trotzkismus". Ein Trotzkismus, der es versäumte, einen neuen strategischen Rahmen zu erstellen, und der sich infolgedessen an die von der sowjetischen Bürokratie und dem Imperialismus vorgegebenen Bedingungen anpasste. Hier präzisieren wir einige Elemente, die wir in vorausgegangenen Analysen herausgearbeitet haben, um eine Diskussion zu eröffnen, die es erlaubt, diese Definitionen zu präzisieren, dass bewegte vergangene Jahrhundert zu Analysieren und Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Wir haben die Konzepte der „passiven Revolution" und des „Transformismus" von Gramsci mit in die Erklärung der Blockierung der Revolutionsmechanismen in der Nachkriegszeit einbezogen (wenn auch sicherlich re-interpretiert im Lichte von Trotzkis Vorhersagen über den Zweiten Weltkrieg und seiner Analysen des Stalinismus). Wir vertreten die Auffassung, dass diejenigen, die unter den Bedingungen von Yalta weiterhin so ganz generell und abstrakt behaupteten, dass „die Krise der Menschheit die Krise ihrer revolutionären Führung ist", dass kein „orthodoxer" Trotzkist dem widersprechen konnte, dieselben waren, die in General Tito, Fidel Castro oder anderen guerrilla oder bürgerlich-nationalen Führungen die Lösung des Problems sahen. Sie bezeichneten diese entweder als „revolutionäre Führungen" oder empfahlen zumindest diese als „kleineres Übel" zu unterstützen.
Wir wollen hier keine Aufzählung der Kapitulationen des Trotzkismus der Nachkriegszeit vornehmen38. Wir glauben nicht, dass sie durch die objektiven Bedingungen gerechtfertigt waren, obwohl aus allem was in dieser Arbeit gesagt wird klar hervorgeht, dass wir nicht der voluntaristischen und subjektivistischen These anhängen, dass die zerstreuten und schwachen Kräfte der Vierten Internationale nach Trotzki etwas hätten tun können, um die Weltkarte im Gefüge von Yalta substantiell zu verändern. Aber wie lehnen jegliche fatalistische Einschätzung der Möglichkeiten des revolutionären Marxismus ab, selbst in den widrigsten Jahren in denen er gegen die vereinten Kräfte von Imperialismus und Stalinismus kämpfen musste. Als Beispiel hierfür mag die Bolivianische Revolution von 1952 dienen. Hier kapitulierte die POR von Guillermo Lora vor der bürgerlich nationalen MNR, aufgrund der Hoffnungen die sie in deren linken Flügel setzte. Dies war eine nicht zu unterschätzende verlorene Möglichkeit für den internationalen Trotzkismus. Denn obwohl es sich um eine Revolution in einem kleinen, halbkolonialen Land unter den zuvor erläuterten Bedingungen handelte, hätte eine erfolgreiche Intervention einen Sprung in der subjektiven Entwicklung der Vierten Internationale bedeutet, die in den Augen der weltweiten Avantgarde gestärkt daraus hervorgegangen wäre. Diese Avantgarde war damals hauptsächlich vom Maoismus oder vom Titoismus, die eine führende Rolle in Revolutionen gespielt hatten, oder vom bürgerlichen Nationalismus oder von bürgerlichen Führern „nationaler Befreiungsbewegungen" beeinflusst.
Angesichts des ersten substantiellen Veränderung der Bedingungen von Yalta, dem weltweiten Aufschwung der 68 begann und von der kapitalistischen Krise ausgelöst wurde, die damals ihren Anfang nahm und sich bis heute hinzieht, machte die Mehrheit der sich trotzkistisch nennenden Tendenzen einfach weiter wie bisher, ohne aus dem Schatten der nicht revolutionären Führungen hervorzutreten.
Perry Anderson sagt dazu: „Man muss sagen, dass trotz ihrer Scharfsinnigkeit und ihrem Bestehen auf der Strategie (...) die alternative Tradition des revolutionären Marxismus sich auch nicht viel fruchtbarer als ihre historischen Gegner zeigte. Als ich das Buch „Die Geschichte des westlichen Marxismus" schrieb, schien die vom Erbe Trotzkis geprägte Bewegung nach Jahrzehnten der Marginalisierung sehr bereit die Massenpolitik wieder einzuführen, die von der Linken in den fortschrittlichen kapitalistischen Ländern post-stalinisiert wurde. Immer näher an den Problemen und Fragen der sozialistischen Praxis, sowohl auf politischer als auch wirtschaftlicher Basis als die philosophische Linie des westlichen Marxismus, hatte das theoretische Erbe der trotzkistischen Tradition offensichtliche Vorteile besonders in der neuen Konjunktur der Massenbeben und der weltweiten Depression die die Anfänge der 70er kennzeichnete. (...) Die Geschichte bot der Bewegung in jenen Jahren eine entscheidende Möglichkeit aber diese hat die Probe nicht bestanden. Der Sturz des Portugiesischen Faschismus bot die besten Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution seit der Kapitulation des Winterpalastes(...). Die Vierte Internationale verlor sich am Scheideweg der Portugiesischen Revolution."39 War, der „klassische Prozess" der Revolution 74-75 in Portugal, einem schwachen Glied der Kette der imperialistischen Länder, die den antikolonialen Aufstand in Angola und Mozambique (angesteckt vom Kampf des vietnamesischen Volkes) mit einer Rebellion der Arbeiter und des Volkes gegen die Diktatur Salazars verband, wie Anderson meint die letzte große Möglichkeit für den Trotzkismus seine strategischen Grundlagen wiederherzustellen? Oder bot die Geschichte eine weitere große Möglichkeit mit dem letzten großen Versuch einer „politischen Revolution" in Polen 1980, der der Vierten Internationale ermöglicht hätte, als große Kraft in Erscheinung zu treten und den Prozessen von 89-91 in Osteuropa, der UDSSR und China vorzugreifen? Wie dem auch sei, zeigte das Verhalten/die Handlungsweise des Trotzkismus in den diesen Ereignissen vorausgehenden Jahren sehr wenig Kontinuität mit den von der Vierten Internationale bei ihrer Gründung aufgestellten Maximen. Dies hat verstärkt dazu beigetragen, die sich in der neuen Periode des Aufschwungs des internationalen Klassenkampfes (68- 80) bietenden Möglichkeiten zu verschwenden, bei denen der Stalinismus und die Sozialdemokratie ihren letzten großen Auftritt als Bremser der proletarisch-sozialistischen Revolution hatten. Die Antwort der Kapitalisten auf diese vertanen Möglichkeiten musste das Proletariat teuer bezahlen: Die Großoffensive von Reagan und Thatcher, in den 80er und 90er Jahren gegen die Arbeiterklasse mit all ihren Konsequenzen wie der Verlust von Errungenschaften für die Weltarbeiterklasse, vor allem der Prozess der kapitalistischen Restauration in den deformierten und degenerierten Arbeiterstaaten.
Anders als die, die eine historische Niederlage darin sehen, welche die Arbeiterklasse ein für alle Mal von der Bühne der Geschichte hinweggefegt hat, denken wir, dass die neue internationale Perspektive große revolutionäre Möglichkeiten eröffnen wird.
Schon Rosa Luxemburg sagte seinerzeit, dass der Kampf für die Befreiung des Proletariats ein beschwerlicher Weg, voller Niederlagen sei, der aber letztendlich zum Sieg führt. Während der Jahre des Pakts von Yalta, schien dieser Sinnspruch seine Gültigkeit zu verlieren: die Arbeiterklasse errang Siege und immer neue Errungenschaften, die während sie die reformistischen Führungen stärkten, hinterher zu Niederlagen führten, wie sie z.B. die sogenannte neoliberalen Offensive der Weltarbeiterklasse zufügte, und die mit dem Verlust der Errungenschaften, die diese Führungen zu verteidigen schienen, einhergingen. Wir sind der Meinung, dass die Veränderung dieser Bedingungen zu widersprüchlichen Ergebnissen führt. Der riesige Verlust von Errungenschaften und die Fragmentierung des Proletariats, welche die imperialistische Offensive der 90er Jahre mit sich gebracht hat, nährt eine Krise der Arbeitersubjektivität, was dazu führt, dass die Arbeiterklasse wieder fast bei null anfangen muss, ihre Reihen zu formieren. Aber die derzeitige Etappe des Niedergangs der US Hegemonie (die wir in dieser Ausgabe der Internationale Strategie analysieren) und des Untergangs des stalinistischen Apparates eröffnet die Möglichkeit, die aktuelle Krise zugunsten der Massenbewegung zu überwinden, befreit von einer Zwangsjacke die jahrzehntelang die Entstehung und Entwicklung von Organismen sowjetischer Art (Räte) verhinderte. Die Bewertung der strategischen Wichtigkeit dieser Art von Organismen direkter Demokratie der Massen, ist etwas, das Trotzki und Gramsci mehr miteinander gemeinsam haben als beide mit ihren jeweiligen „Anhängern". Wenn aber heute nur noch eine sehr schwache Kontinuität von Trotzkis Gedankengut bewahrt bleibt, hat Gramsci ein noch schlimmeres Los getroffen. Der Bruch zwischen den heutigen Gramscianern, echte moderne Moderate, Vorkämpfer passiver Revolutionen und dem revolutionären Gramsci ist ungleich größer als der zwischen Trotzki und den heutigen Trotzkisten.
Kommen wir zu dem Schluss, dass die Kontinuität des Offensivmarxismus der III. Internationale die der Trotzkismus trotz allen seinen Verzerrungen in sich trägt, das Ergebnis einer historischen richtigen Entscheidung ist: Der Gründung der Vierten Internationale 1938. Diese Erkenntnis setzt deren Wiedergründung auf die Tagesordnung. Dabei müssen wir aus den Lektionen der Vergangenheit lernen. Wir betrachten die vorliegende Arbeit als einen Beitrag, der in diese Richtung geht, angesichts der sich neu entwickelnden Etappe des Klassenkampfes und der Herausforderungen der Zukunft.
1 Cf. Das Antinomies von Antonio Gramsci, Perry Anderson. Eine andere vergleichende Studie ist Roberto Mazzaris Trotzki und Gramsci, aus dem wir in
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2 Isaac Joshua, Der Absturz von 1929 und das Auftauchen der USA (Eigene Übesetzung, A.d.Ü.).
3 'Der russische Emigrant sagte, daß er seit 1917 häufig behauptet hatte, das Weltkapital sich 'unter der zunehmenden Hegemonie der USA entfalten würde, vorallem unter der Hegemonie des Dollar's über dem britischen Pfund', war zu lesen in einem in dem New York Times veröffentlichten Artikel vom März 1933, das auf einem Interview der Asociated Presse an Trotzki auf Prinkipo basierte.
4 Leon Trotsky, "Nationalism and Economic Life", Writings 1933-34, S. 161f.
5 Gramsci, A.: Gefängnishefte - Amerikanismus und Fordismus. Heft 20 §1. S. 2063.
6 Kritik der Internationalen Linken Opposition am Programm der Kommunistische Internationale, 1927 [eigene Übersetzung. A.d.Ü.]
7 Gemeint ist der wirtschaftliche Determinismus einiger Passagen des Erfurter Programms der II Internationale unter der Leitung von F. Engels. Trotz der marxistischen Terminologie, die sich insbesondere im ersten, von Kautsky verfassten Teil des Programms fand, blieben Vorstellungen über die zukünftige Gesellschaftsordnung offen und traten hinter die konkreten und pragmatischen tagespolitischen Forderungen zurück.
8 Ebda.
9 „Im Prozess der Geschichte begegnet man stabilen, vollständig unrevolutionären Situationen. Man begegnet auch ausgesprochen revolutionären Situationen. Es gibt auch konterrevolutionäre Situationen (das soll man nicht vergessen!). Was aber in unserer Epoche, der Epoche des faulenden Kapitalismus ganz besonders vorherrscht, das sind mittlere und Übergangssituationen: zwischen nichtrevolutionären und vorrevolutionären, zwischen vorrevolutionären und revolutionären oder ... konterrevolutionären Situationen. Gerade diese Übergangszustände sind von ausschlaggebender Bedeutung vom Standpunkt der politischen Strategie." Trotzki, Leo: Wohin geht Frankreich? - Dialektik und Metaphysik. 1936
10 Notas sobre Maquiavelo, sobre la política y el estado moderno
11 Später werden wir sehen wie Trotzki nach der Wirtschaftskrise von 1929 mit dem gleichen methodologischem Kriterium die Elementen von wirtschaftlicher Krise, Klassenkampf und den zwischenstaatlichen Spannungen miteinander zu verbinden, auf den Anfang einer neuen "katastropischen Phase" (um es mit Gramsci auszudrücken) in den '30 Jahren hinweist, wo sich die revolutionären Versuche und der Gang der imperialistischen Ländern gen 2. Weltkrieg mischen würden.
12 C.R. Aguilera Prat, in "Gramsci y la vía nacional al socialismo".
13 Antonio Gramsci, Hefte aus dem Gefängnis, (Heft 3)
14 "Der Begriff von "passiver Revolution" soll strengst aus den zwei Grundprinzipien der politischen Wissenschaft (basierend auf die Grundrisse der Politischen Ökonomie von Marx, A.d.R) abgeleitet werden, d.h., dass: a) keine soziale Formation verschwindet solange die Produktivkräfte, die sich in ihrem Schoß entwickelt haben, den Platz für ihre nachträgliche progressive Entwicklung noch finden b) die Gesellschaft sich nur Aufgaben stellt, für deren Lösung sich die notwendigen Bedingungen herausgebildet haben, usw. Selbstverständlich müssen sie kritisch entwickelt und von jeglichen mechanistischen und fatalistischen Rückstand bereinigt werden" Dieses Zitat von Gramsci in "Note su Machiavelli, la politica e lo Stato moderno" von einem sehr allgemeinen und abstrakten Charakter kann zu falschen Interpretationen führen, die Ängste von allem bei den Reformisten zu finden, die behaupten, dass jede Niederlage eines revolutionären Prozesses könnte "rechtfertigt" werden mit den "objektiven Bedingungen" (man könnte ihn sogar als zu "verfrüht" bezeichnen), wobei die konkrete Rolle der Führung der Arbeiterklasse und der Massen beim Ausgang des selben unterbewertet. [eigene Übersetzung. A.d.Ü.]
15 Friedrich Engels, Einleitung zu Karl Marx "Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850" (1895)
16 Zu den unterschiedlichen Konzepten von Revolution nach Trotzki und Gramsci siehe nächster Artikel
17 Gramsci, A.: Gefängnishefte - Miszellen. Heft 15 §10- §11. S. 1727.
18 Aguilera de Prat weist richtigerweise und um Vorurteile über Gramsci auszuräumen auf diesen Schlüsselaspekt hin: "es geht auf jedem Fall um eine dialektische Auffassung dieser Erkenntnis, die sich nicht in ein politisches Aktionsprogramm, wie es die Moderaten im Risorgimento vertraten, verwandeln, (er meint ein passives Revolutionsprogramm, A.d.R.) sondern nur als ein methodologisches Kriterium der Deutung dienen soll". [eigene Übersetzung. A.d.Ü.]
19 Angesichts des Aufstiegs von Mussolini in Italien sagte Trotzki bezüglich der KPI: "Die Kommunistische Partei Italiens war fast gleichzeitig mit dem Faschismus entstanden. Doch die gleichen Bedingungen der revolutionären Ebbe, die den Faschismus an die Macht brachten, hielten die Entwicklung der Kommunistischen Partei auf. Sie legte sich nicht Rechenschaft ab über das Ausmaß der faschistischen Gefahr, wiegte sich in revolutionären Illusionen, war ein unversöhnlicher Gegner der Einheitsfrontpolitik, mit einem Worte: sie litt an allen Kinderkrankheiten. Kein Wunder, sie war erst zwei Jahre alt. Der Faschismus erschien ihr lediglich als „kapitalistische Reaktion". Die spezifischen Züge des Faschismus, die sich aus der Mobilisierung des Kleinbürgertums gegen das Proletariat ergeben, nahm die Kommunistische Partei Italiens nicht wahr. Mit Ausnahme des einzigen Gramsci schloß die Kommunistische Partei, wie mir italienische Freunde mitteilen, selbst die Möglichkeit der faschistischen Machtergreifung aus. Hat einmal die proletarische Revolution eine Niederlage erlitten, der Kapitalismus sich befestigt, die Konterrevolution triumphiert, was für einen konterrevolutionären Umsturz kann es da noch geben? Die Bourgeoisie kann doch nicht gegen sich selbst einen Aufstand machen! Das war der Kern der politischen Orientierung der italienischen Kommunistischen Partei. Man darf dabei nicht vergessen, daß der Faschismus damals eine neue Erscheinung darstellte und sich erst im Formierungsprozeß befand. Seine spezifischen Züge herauszuschälen wäre auch einer erfahreneren Partei nicht leicht gefallen".
20 In seiner Arbeit "Trotzki und Gramsci" erinnert sich Roberto Massari: "Am 22 November 1922 diktierte Lenin an Trotzki (am Telefon) folgende Nachricht: "Was Bordiga angeht, schlage ich vor, den Vorschlag Trotzkis anzunehmen, den italienischen Delegierten einen Brief unseres ZK zu schicken, in dem wir ausdrücklich die Taktik, die Sie vorschlagen, empfehlen. Im Gegenfall werden ihre Maßnahmen in Zukunft weitreichende schädliche Folgen für die italienischen Kommunisten haben" (...) "Die von Trotzki und der Mehrheit der Führung der Kommunistischen Internationale an die italienischen Delegation November 1922 'angedeutete' Taktik war die Taktik der Einheitsfront mit anderen Organisationen der Arbeiterbewegung, angefangen bei den Reformisten, welche die Hauptverantwortung für den Aufstiegs Mussolinis trugen und immer noch auf ein friedliches Zusammenleben zwischen den Faschismus und den -noch- legalen Arbeiterorganisationen hofften, d.h, auf eine Versöhnung zwischen dem Großkapital und dem Minimalprogramm von Forderungen der Arbeiterklasse. 1922 widersprach die Internationale den Ansichten der bordigihstischen Delegation, die fälschlicherweise eine diktatoriale Äquivalenz zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem Faschismus sah und sich aus den Streitfragen der Analyse heraus hielt, sich dafür aber umso härter in die organisatorischen Fragen einmischte. Diese Sorge beweist, dass ein instinktives Alarmsignal bereits seinen Wiederhall im Vierten Kongress fand. Die o.g. Empfehlung von Lenin und Trotzki zeigt, dass auch die zwei wichtigsten bolschewistischen Führer weitreichende Folgen befürchteten, wenn die von der italienischen Führung eingeschlagene Richtung nicht geändert werden sollte. Dennoch war der Hauptgegenstand ihrer Besorgnis die Fusion zwischen der jungen Partei und der maximalistischen SPI. (...) "Wie man weiß, wurde der Vorschlag Trotzkis angenommen. Zwei Tage nach dem telefonischen Gespräch von Lenin und Trotzki sah sich die italienischen Delegation mit einem Brief des ZK der russischen KP konfrontiert, unterzeichnet von Lenin, Trotzki, Zinoviev, Radek und Bucharin, in der ihr praktisch die Fusion mit der SPI aufgezwungen wurde. Bordiga akzeptiert e diese Auflage aus Disziplin, bleibt dennoch aber bei seiner Position".
21 Juan Carlos Pontantiero, in Los Usos de Gramsci. Die in fetter Schrift gekennzeichneten Passagen sind textuelle Zitate von Gramsci.
22 Trotzki, L.: „Sobre la cuestión de las tendencias en el desarollo de la economía mundial 1926
23 Trotzki, L.: „El bagaje teórico de Molotov " 09.1930
24 Trotzki, L.: „EL Nacionalismo y la economia" noviembre 1933 XXX
25 Lenin, V.: „Staat und Revolution"
26 Hefte aus dem Kerker 3
27 Trotzki, L.: „Marxismus in Unserer Zeit". April 1939
28 Mario Teló: Gramsci y el futuro de Occidente en „Los estudios gramscianos hoy"
29 Gramsci aus Cuadernos de la carcel etc.
30 Natürlich fallen die Revolutionen in Jugoslawien und China, die unter Führung einer Guerrilla und einer nationalen stalinistischen Partei im Dissens mit Moskau stattfanden, die zwar auch die Entstehung von Arbeiter- und Bauernsowjets unterbanden und die Revolution innerhalb ihrer nationalen Grenzen einfroren und daher auch nur zur Bildung von degenerierten Arbeiterstaaten führten, nicht in diese Kategorie der „passiven proletarischen Revolutionen", da die Massen und ihre Avantgarde eine durch ihr Eintreten in die „Partei/Armee" Titos und Maos aktive Rolle spielten. Unsere Einschätzung dieser Revolutionen: Siehe Estrategia Internacional Nr. 3 vom Februar 1992
31 Trotzki, L.: "Offener Brief an die indischen Arbeiter" [Eigene Übersetzung. A.d.Ü.]
32 Darunter fallen, außer unzähligen Schriften und Artikeln, Werke wie „Die verratene Revolution" und „Verteidigung des Marxismus"
33 Trotzki, L.: Das Übergangsprogramm. Die objektiven Voraussetzungen der sozialistischen Revolution
34 In die gleiche Richtung gehen Jorge Altamira und der PO in Argentinien, obwohl es sich in diesem Fall nicht um eine internationale Strömung handelt. Der PO stand sowohl in Verbindung mit der Strömung Lamberts als auch mit der Loras und hängt einer wirtschaftlich - katastrophistische Pseudotheorie an, die er heutzutage ad absurdum führt.
35 Diese Kombination aus verschiedenen Faktoren in den 30er Jahren, führte dazu, dass die Sozialdemokratie in einigen zentralen Ländern, wie in Frankreich, jenseits dessen, was ihre reformistische Führung wünschte, für eine Weile destabilsiert wurde, was Trotzki veranlasste, den kleinen revolutionären Zellen den Entrismus in der PS ans Herz zu legen (bekannt als „französische Wende"), um so die radikalsten Elemente aus deren Inneren anzuziehen und sich von dieser Massenpartei aus an die kommunistischen Arbeiter zu wenden, die in der vollkommen stalinistischen PC waren.
36 Zitat aus Trotzki: Manifest der IV. Internationale zum imperialistischen Krieg und zur proletarischen Weltrevolution, 1940
37 Der trotzkistische Führer Nahuel Moreno, Gründer der Tendenz aus der wir hervorgegangen sind, sagte angesichts dieser widersprüchlichen Situation nach dem Krieg, dass „die Realität trotzkistischer geworden ist als Trotzki". Etc.
38 Wir erkennen durchaus, dass die von Nahuel Moreno in Argentinien geleitete Strömung aus der wir hervorgegangen sind, sich zuerst im Peronismus der
50er Jahre verlor und dann dazu überging die kubanische Führung Fidel Castros in den Himmel zu loben.
39 Zitat von Perry Anderson aus "In the Tracks of Historical Materialism". Univ of Chicago Pr (Tx); (April 1, 1984) [Eigene Übersetzung. A.d.Ü]